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TRAIL -

Der Kampf um Gonda-Lah

Hier eine Leseprobe aus der Fantasy-Fiction Saga:

Am späten Nachmittag erreichten wir die Außenbezirke von Gonda-Lah. Mit über einer Million Einwohner war sie die größte Stadt des gandrischen Kontinentalschilds, und hier brodelte das Leben. Aus allen Richtungen zogen Trails in die komplett aus Lehm, Steinen und Holz erbaute Stadt und aus ihr heraus, es war ein überaus beeindruckendes Bild, wenn man –wie ich- aus einer eher ländlichen Gegend kam. Ich kannte Gonda-Lah zwar, aber es war jedes Mal wieder ein Erlebnis, hier aufzuschlagen. Wir kamen über die große Ostallee herein, auf der vorwiegend Industriegüter transportiert wurden. Bereits im äußeren Stadtring waren wir gegen Zahlung eines Obulus nur sporadisch kontrolliert worden und führten nun Passierscheine mit uns. Weit voraus zeichnete sich die Shilouette der Hauptstadt mit ihren Türmen, Minaretten, Kuppeldächern und der Mauer von Jahw Salam am Horizont ab. Hier in den Randbezirken wurde ein Großteil der Güter umgeschlagen.

Wir reihten uns auf der linken äußeren Spur des eingehenden Trailwegs ein. Noch weiter links waren die Staatswege, die von gewerblichen Trails nicht genutzt werden durften. Dort, auf dem Heerweg zog ein Militärtrail aus der Stadt, der ein imposantes Bild bot und die wahre Stärke des Feindes andeutete. Der riesige Trail bestand zuerst aus einer Kompanie berittener Kampftraks, deren Kieferzangen metallisch glänzten und mit gefährlichen Zacken versehen waren. Die gewaltigen Käfer waren erheblich größer als mein Trak-Ghena. Sie marschierten im Gleichschritt und die Sonnen ließen ihre Panzer metallisch glänzen. Doch die Traks waren bei weitem nicht das Gefährlichste, was Ninurtas Armee zu bieten hatte. Hinter ihnen ragten immense Kampfmaschinen auf, die es nur in Gonda gab: gigantische Arachnopoden schoben sich uns entgegen; Kampftaranteln, höher als ein zweistöckiges Haus, mit furchtbaren Beißwerkzeugen. Sie waren mit je 7 Soldaten, Katapulten, Lanzenwerfern und anderer Kriegsmaschinerie besetzt. Diese Monster konnten im Feld ihre fingerdicken giftigen Hinterleibshaare wie ein Pfeilhaqel abschießen und damit ein ganzes Infanterieregiment komplett ausradieren, ihre Klebfäden vermochten jeden Trak und jeden Ghumpa kampfunfähig zu machen. Für ihre langen, starken Beine gab es kein Hindernis, sie überwanden mit Leichtigkeit jeden Festungswall. Diese Kampfspinnen waren mit Abstand die gefährlichste Waffe Ninurtas, denn sie waren fast unbesiegbar.

In Gedanken überschlug ich kurz, welche Menge an Bum-Gum nötig war, um eines dieser Ungeheuer zum Platzen zu bringen und analysierte die gewaltigen Körper auf ihre Schwachstellen hin. Da sie dich vorbeizogen, konnte ich sie in Ruhe besehen, ohne aufzufallen, denn alle Ghumpaführer starrten wie gebannt auf die Kampftaranteln. Die beste Möglichkeit, eine wirksame Sprengladung zu platzieren, bot aller Wahrscheinlichkeit nach das erste Brustsegment. Hier waren zusätzliche Stahlpanzer angebracht, was auf Verletzlichkeit schließen ließ.

Ich schätzte ihre Zahl auf weit über Fünfzig Tiere, dann folgten die Geschützkäfer oder Donnerghumpas, wie man sie auch nannte. Diese Tiere hatten es in sich. In ihrem Hinterleib besaßen sie ein besonderes Ausscheidungsorgan, das brennbare Plasmacluster erzeugte, welche die Käfer mittels einer starken Hinterleibskontraktion ausstoßen und über 400 Fuß weit schleudern konnten. Diese Brandgeschosse, die sich bei Luftkontakt selbst entzündeten, wurden vorwiegend bei Belagerungen eingesetzt, um feindliche Stellungen einzuäschern. Das brennende Plasma der Donnerghumpas ließ sich nicht löschen und entwickelte eine enorme Hitze.24 der rot-schwarzen Käfer zählte ich. Dann folgte eine umfangreiche Abteilung von Chalais-Ghumpas, die mit Soldaten besetzt waren; Truppentransporter.

Der Militärtrail hatte insgesamt Divisionsstärke, und wie es aussah, handelte es sich dabei lediglich um eine Verstärkungseinheit. Ungeachtet des Umstandes, dass wir diesen Trail entgegen zogen, dauerte es fast eine halbe Glase, bis der Konvoi an uns vorübergezogen war. Unter den Beinen der Käfer und Riesenspinnen bebte die Erde. Das Ermessen, wie groß wohl die zugehörige Hauptstreitmacht sein mochte, zu der dieser Trail aufschloß, ließ mich nachdenklich werden. Eine offene Feldschlacht gegen eine solche Armee war undenkbar, nicht zu gewinnen, glatter Selbstmord. Die gondischen Rebellen taten gut daran, sich bedeckt zu halten und mit Nadelstichen und Guerillataktik zu operieren.

Chahani schien mein Grübeln zu bemerken. Sie ritt dichter an mich heran und beugte sich zu mir herüber. „Das ist nur eine Division, Dom Fela. Eine Division. Zwei Dutzend Divisionen bilden eine Legion, und zwei dutzend Legionen eine Armee. Ninurta hat sechs Armeen zu Lande.“

„Still!“ raunzte ich sie an und machte das Zeichen für Lippenleser. Sie verstand und schwieg.

Die Lippenleser der gondischen Geheimpolizei konnten überall sein, getarnt als Bettler, Händler, Waschweiber, Trunkenbolde oder Wachsoldaten. Sie verstanden es ausgezeichnet, Lippenbewegungen, Mimik, Gestik und Körperhaltung einer Zielperson zu einer sinnvollen Aussage zu kombinieren. Manch ein Schmuggler wurde wegen einiger unbedacht geflüsterter Worte von Soldaten der Stadtgarde aus dem Fluß der Trails herausgezogen und verschwand sang- und klanglos ohne großes Aufhebens in Ninurtas Folterkellern und Kerkern.


Wir gaben uns Mühe, unbeteiligt zu wirken und wechselten hin und wieder ein paar unverfängliche Worte, die sich um guten Handel und gute Unterkunft drehten. Ich war noch nie über die Ostallee in die Stadt eingezogen, und so sah ich mir das bunte Treiben längs des Weges an. Es roch nach allerlei Spezereien, Schweiß, Käfermist, und die Luft war staubig. Viele Gewerbliche hatten sich hier, quasi „in der ersten Reihe“ angesiedelt und zahlten dafür sicherlich einen horrenden Pachtzins an die Stadtoberen. Da gab es halboffene Stellmacher-Werkstätten, Sattlereien und Laden von Packmachern. Der Klang von Schmiedehämmern erzeugte eine eigenartige, aber nicht unmelodische Geräuschkulisse, untermalt vom Scharren und Schleifen der Ghumpas. Irgendwo spielte jemand auf einer Bershwa-Flöte. Ferner gab es Holzmacherbetriebe, Seilereien und Grossisten, die alles für den Trailbedarf führten, von Reitkleidung bis hin zu Reisegeschirr. Daneben gab es Obst- und Gemüsehändler, Bäcker, Schlachter und Suppenküchen, Tavernen, Bordelle und Rauchhäuser, in denen man gegen Bares lizensierte Drogen konsumieren konnte. Viele fliegende Kleinhändler unterschiedlichster Abstammungen liefen neben den Trails her und boten wasser, Wein und waren feil. Die Geschäfte wurden hektisch im Laufen getätigt, denn auf der Allee einen Trail anzuhalten, um ein paar Dendra-Feigen oder turkesische Honigkuchen zu erwerben, war so gut wie unmöglich. Um eine der Werkstätten oder ein festes Ladengeschäft zu frequentieren, musste der Trail seitlich in eine Dalbenweiche ausscheren, wo er bis zum Abschluß eines Handels geparkt werden durfte.

Mit einem Mal nahm das Kollern der Ghumpas in unserer Spur zu und ein lautes, dumpfes Trompeten schallte vor uns durch die Reihen. Ein rot-gelb gesteifter Signalkäfer der Stadtgarde hatte es abgegeben und es bedeutete, dass unsere gesamte Spur anhalten musste. Die Signalkäfer liefen auf den seitlichen Staatswegen und wurden eingesetzt, um den Trailweg zu überwachen und gegebenenfalls in den Verkehrsfluß regulierend einzugreifen. Jeder Ghumpaführer hatte auf die Signalgaste zu hören und ihren Anweisungen zu folgen. Die Signalkäfer und ihre Reiter waren zum Beispiel –wie jetzt gerade- dafür da, um den Vorwärtstrieb der Trails für einen Stop schrittweise zu verlangsamen, um Aufläufe und Karambolagen zu verhindern. So konnte der Verkehr geordnet zum Stehen gebracht werden, Chaos wurde vermieden. Der Signalkäfer kam trompetend an uns vorbei, während ich den Trak und die Chalais verlangsamte, den Abstand zum Vordermann nicht aus den Augen lassend. Der Signalgast hatte eine Rote Fahne mit weißen Kreisen darauf am Mast auf dem Rücken des Käfers gehisst, das bedeutete: Eiablage. Das war für die Behörden durchaus ein Grund, die Trails zu stoppen.

In Gonda-Lah herrschte das Gesetz, dass alles, was auf öffentlichen Boden fiel, dem Staat und damit dem Kaiser gehörte und unverzüglich von der Stadtverwaltung zu konfiszieren war. Das galt für Waren, andere Dinge jeder Art, und letztlich sogar für Ghumpa-Eier. Wenn also eine Ghumpa-Kuh auf dem Trailsweg beschloß, ihre Eier abzusetzen, dann gehörten diese –so sie den Boden berührten- dem Staat und wurden in staatliche Brut- und Zuchtanstalten verbracht. Darum sah man hier und da immer wieder Ghumpas, die seltsam geformte Schlitten hinter sich herzogen, die schnabelförmig bis unter deren Kloake reichten. Damit wurden die Eier im Falle einer ungewollten Ablage aufgefangen und daran gehindert, den Boden zu berühren. Im konkreten Fall sah es so aus, als habe ein Ghumpaführer weiter vorn die Zeichen nicht recht gedeutet und den Schlitten nicht angehängt. Oder eine seiner Kühe hatte sich spontan entschlossen, ihre Eier abzustoßen.

Zwei oder drei Trails voraus wurde es hektisch. Geschrei und Gezeter, ein ordentlicher Lärm war zu hören und es sah aus, als würde die Strecke eine Weile dicht bleiben. Solche Geschehnisse waren eher selten, doch wenn es passierte, waren die Stadtbüttel mit ihren Traks schnell zur Stelle, denn ein Ghumpagelege war äußerst wertvoll. Eine Ghumpa-Eiablage konnte mitunter ein bis zwei Glasen dauern, und es brauchte viele Hände, um die bis zu 300 schweren, kopfgroßen Eier aufzulesen und wegzutransportieren.

Chahani und ich stiegen ab und gingen zu einer Suppenküche, die sich am Wegesrand auf unserer Höhe befand. An einem großen runden torfbefeuerten Kessel stand inmitten von Dunstschwaden eine nicht minder runde Mamsell und rührte mit einen großen Holzlöffel in ihrem Kessel herum. Die Dämpfe, die dem Kochzuber entstiegen, rochen verführerisch.

„Aye, was gibt es bei Euch Gutes?“ rief ich ihr zu, als wir uns ihrem Höllenkessel näherten. Sie sah mich an und grinste breit.

„Schnappschinellen-Eintopf, Jungchen! Heiß, scharf und lecker! Iß davon, und es wird Deiner Süßen in der Nacht Freude bereiten!“ Sie lachte laut und derbe, ebenso wie die Leute, die um ihren Stand herumlungerten. Schnappschinellen waren gondische Flussmuscheln, deren Muskelfleisch sehr proteinreich war und etwas streng schmeckte. Aber wie es roch, waren sie mit reichlich syrillianischen K´rbaschoten eingekocht. Da würde man den Eigengeschmack der Muscheln wohl kaum bemerken. Ich sah Chahani an, und sie nickte mir zu.

„Dann gib uns zwei Portionen, Mamsell. Und Rieselgrasbrot dazu und Ale!“ Ich warf ihr drei große Kupferschekel mit gondrischer Prägung zu, die sie geschickt auffing. Für ihre Körperfülle war sie reichlich beweglich, fand ich. Wir setzten uns an einen der roh gezimmerten Tische und ihr Helfer tischte uns das Essen in einfachen Holzschüsseln auf.

Ebenso roh geschnitzt waren die Gegenstände, welche wohl Löffel darstellen sollten. Naja, zumindest waren sie geeignet, zwei hungrigen Mündern das zu geben, was in den Schüsseln schwamm. Das Brot kann, ein Viertel Laib, der recht hart war und gewiß nicht am heutigen Tag gebacken. Das Ale war auch schon etwas schal. Aber der Eintopf war besser, als der erste Eindruck verhieß. Er schmeckte scharf, aber auch sehr fruchtig, und das Muschelfleisch war zart. Ich ertappte mich bei der Vorstellung, dass die Alte da mit dem Rauchkrautstummel im Mund die Muscheln vielleicht vorkaute, bevor sie diese in die Suppe warf und musste grinsen.

„Was erheitert Euch, Dom?“ fragte Chahani.

„Es ist nichts, nur ein amüsanter Gedanke.“ entgegnete ich. Sie sah mich fragend an, überging dann aber die weitere Nachfrage.

„Wie geht es weiter, Dom Fela?“ fragte Chahani

„Wenn die Strecke wieder freigegeben ist, werden wir uns zum Entladeplatz in der Hauptstadt begeben und unsere Ware verhökern. Ich hoffe, wir schaffen es bis zur Tageswende.“ Ebenso hoffte ich, dass Chahani noch an die Lippenleser dachte. Aber zum Glück blieb sie unverfänglich.

„Aye! Ich hoffe, der Preis für die Ware entspricht den Erwartungen des Hauses, Dom. Nicht, dass uns der Haushofmeister nach unserer Rückkehr noch Schwierigkeiten macht.“ Sie schmatzte und rülpste beim Essen wie ein echter Ghumpaführer und sprach mit vollem Mund. Es gab nichts an diesem kahlrasierten Weib, das an ihre aristokratische Herkunft erinnerte. Sie hatte eine komplette Wandlung durchgemacht. Aber so, wie sie jetzt war, gefiel sie mir weitaus besser, als vorher. Ihre Mimikri war nahezu perfekt.

Ich sah hinüber zur Allee, wo noch immer Trouble wegen des Geleges herrschte. Chahani folgte meinem Blick. Mir fiel ein zerlumptes junges Mädchen in unserer Nähe auf, das ein Bündel im Arm trug. Sie ging am Trailweg entlang. In ungelenker Arbeiter rempelte sie an, und das Bündel fiel zu Boden. Gerade als sie sich bückte, um es aufzuheben, trat eine Gruppe Wachsoldaten hinzu und umringte sie. Der Mann, der offensichtlich das Kommando innehatte, tippte mit seiner Hellebarde auf das Bündel. Sie sah zu ihm auf.

„Halt!“ herrschte er sie an. „Eigentum des Staates!“

„Herr“, setzte sie flehend an, „darin sind keine Wertsachen, bitte. Es ist mein Kind.“

„Du kennst das Gesetz. Was den Grund berührt, gehört dem Staat. Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Meinte er ungerührt.

„Aber Herr, edler Dom“ wimmerte sie „es ist mein eigen Fleisch und Blut, mein Kind! Bitte…

Der Wachsoldat hielt weiter die Spitze der Hellebarde auf das Bündel gerichtet, das sich ein wenig bewegte.

„Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Fleisch und Sachen. Tritt zurück, Weib, und gib den Weg frei.“ Damit bückte er sich, um das Bündel aufzunehmen. Das Mädchen begann furchtbar zu weinen und flehte weiter darum, ihr Kind zurückzubekommen. Zwei Soldaten zerrten sie mit Gewalt auf die Seite und der Hauptmann nahm das Bündel an sich. Die junge Frau wehrte sich und kreischte verzweifelt, rief um Hilfe. Die Wachen führten das Mädchen ab und warfen sie in den Straßengraben an der Allee. Die Wache zog weiter. Heulend und verdreckt saß das Mädchen im versiften Straßengraben. Niemand rührte sich. Kaum einer nahm Notiz von der Angelegenheit.

Ich sah, wie sich Chahanis Muskeln anspannten. Ich legte meinen Arm auf ihren und drückte sanft zu.

„Nicht, Chahani“, flüsterte ich, „Du kannst hier nichts tun.“

Sie sah mich verständnislos an. „Aber… was geschieht nun mit dem Kind? Das können wir doch nicht zulassen…“ Ich sah sie mit einem beschwörenden Blick an. „Das Kind wird wahrscheinlich in der kaiserlichen Sklavenschule erzogen. Es ist nicht unsere Aufgabe, solche Dinge zu regeln. Wir sind für etwas anderes hergekommen. Also, iß Deine Suppe und denk nicht darüber nach, was Du eben gesehen hast.“

„Ja, natürlich, Dom.“ Sagte sie und setzte sich wieder. „Wir reden später“ sagte ich zu ihr und blickte ihr in die Augen. Sie nickte und entspannte sich. Über ihre Lippen kam ein leiser Fluch in ihrem Heimatdialekt, den ich nicht zu verstehen brauchte, um ihn zu deuten. Aber wir konnten hier keinen Ärger gebrauchen. Nicht mit einem Trail voller hochbrisanter Kampfmittel. Sie sah es wohl ein und widmete sich wieder ihrem Essen.

Inzwischen war der Kampf um die Ghumpa-Eier wohl beendet, denn das Gezeter auf dem Trailsweg wurde weniger. Von unserem Platz aus hatte ich gesehen, dass der Ghumpaführer etwa ein dutzend Eier vor dem Fall auf den Boden gerettet hatte und diese nun in einer Bruttasche auf einem seiner Käfer verstaute. Er machte kein sehr fröhliches Gesicht dabei.


Wir erhoben uns und gingen hinüber zu unsrem Trail, nicht ohne der Alten noch einen Schekel zuzuwerfen. „Gutes Essen!“ rief ich ihr im Gehen zu. „Sehr zu empfehlen.“ Sie grinste über das ganze Gesicht. Zum Abschied winkte sie uns mit ihrem überdimensionalen Rührlöffel. Ich war sicher, der zusätzliche Schekel ließ sie vergessen, dass wir überhaupt da gewesen waren.

Wir kamen gerade rechtzeitig, um das Wiederanlaufen der Trails noch bequem mitzumachen, so dass wir nicht aus der Reihe fielen. An uns vorbei ritten die Signalgaste und schwenkten grüne Fahnen, das Aufbruchsignal. Die Reise ging weiter über die große Ostallee bis zu einer Abzweigung kurz vor Nag H´mas Algr, einem Stadtteil, der dicht am Zentrum lag und vorwiegend von kleineren Gewerbetreibenden genutzt wurde. Die Wohnhäuser hier waren meist zweigeschossig und wirkten allesamt etwas heruntergekommen. Der Glanz vergangener Zeiten blätterte von den Fassaden, und verwitterte Fresken und Wandmalereien zeugten von einer Ära, in der es diesem Stadtteil deutlich besser gegangen war. Vor mehr als zwanzig S´rathzyklen war Nag H´mas Algr Heimat für die intellektuelle Oberschicht gewesen. Dichter, Denker, Philosophen, Maler und andere bildende Künstler hatten hier gewirkt und diesen Stadtteil weit über die Grenzen der gondischen Hochebene hinaus bekannt gemacht. Doch die restriktive Politik des Kaiserhauses, die Satire, Kritik und offene Rede nicht eben förderte, hatte dafür gesorgt, dass diese Leute Gonda-Lah nach und nach verlassen hatten. Der Klang von Schalmeizimbeln, Balisetten, Tubenflöten und Rasseln war dem monotonen Hämmern von Kupferschmieden, dem kreischenden Sägen von Zerlegebetrieben und dem üblichen Verkehrslärm gewichen. Staub und Schmutz lagerten sich auf den Fassaden und Straßen ab, und man konnte meinen, auch auf den Menschen, die hier lebten. Nirgends sah man fröhliche Gesichter, die vielen Gestalten in den Gassen hetzten geschäftig umher, den Blick gesenkt, um nur ja nicht den Stadtwachen aufzufallen und deren Willkür ausgeliefert zu sein.

Ich wusste, dass das Leben aus diesem Stadtteil nicht vollends gewichen war, noch nicht. In den zahlreichen unübersichtlichen und verwinkelten Hinterhöfen gab es viele kleine Oasen, Orte der Kunst und der Liebe, wunderbare kleine Gärten, in denen rankende Kannenblumen, Rieselgrasteppiche und das bunte Laub der Schulgi-Sträucher der Einöde trotzten und das Leben für die wenigen verbliebenen denkenden Menschen zumindest einigermaßen erträglich machten. Hinter den Werkstätten, Ladengeschäften und Fassaden der Mietskasernen gab es einladende kleine Schänken, Amüsierschuppen und einige freie Theater, die sich mutig, aber dennoch vorsichtig der allgemeinen Zensur widersetzten. Manche dieser Etablissements verschwanden über Nacht, wenn der eigner es zu weit oder zu laut trieb und damit die Obrigkeit auf sich aufmerksam machte. Manch ein Wirt schmierte die Stadtwachen, um in Ruhe seinen Zins zu machen.

Wir verließen den Alleezubringer und lenkten den Trail in eine der überfüllten Seitengassen, was sich dramatisch auf unser Tempo auswirkte. Nun ging es nur noch im Menschen-Schrittempo voran. Die gesamte Umgebung roch nach menschlichen Ausdünstungen, ab und an unterbrochen von leichten Fahnen Essensgeruch. So zogen wir etwa eine Glase lang durch das Getümmel, bis wir schließlich vor den Toren eines mittleren Warenlagers angekommen waren. Davor standen zwei Guardians, deren Aufgabe es war, Bettler, Diebsgesindel und Hindernisse von dem Torweg fernzuhalten. Wir hielten an und einer der beiden, ein stämmiger Bursche mit langen, blonden Haaren und einer Vogelnase, trat zu mir heran und sah mich grimmig an.

„Aye! Was ist Euer Begehr, Dom?“ fragte er ohne übertriebene Höflichkeit.

Ich sah ihn an und antwortete ruhig: „Ich bin im Auftrag Deines Herrn hier. Ich bringe das Ribaharz für Beth Sharia.“

„Zeigt mir Euren Passierschein und nennt das Calimdrom.“

Das Calimdrom war ein bestimmter Code, der bei Abschluß eines Vertrages zwischen Verkäufer und Abnehmer vereinbart wurde und sicherstellen sollte, dass es auch tatsächlich der legitimerte Lieferant war, der da Zutritt zum Lager begehrte. Oft genug kam es vor, dass illoyale Angestellte des Abnehmers ihre Verwandschaft benachrichtigten, wenn eine Lieferung erwartet wurde, und diese lieferten dann minderwertige Ware, während ihre Schergen den Trail des Lieferanten plünderten, um die hochwertige Ware zu verschachern. Auf diese Weise waren einige zwielichte Clans in der Stadt zu beachtlichem Reichtum gekommen.

Ich nannte ihm das korrekte Calimdrom und er verschwand mit meinem Passierschein durch eine Seitentür im Inneren des Warenlagers. Sein Kollege behielt uns genau im Auge. Eine Weile geschah nichts. Dann öffneten sich langsam und knarrend die Flügel des großen Tores nach innen und gaben uns den Weg frei in das Gebäude.

Im Innern war das Gebäude wesentlich geräumiger, als es von außen den Anschein hatte. Es erstreckte sich in der Länge über mindestens drei, in der Breite über wenigstens zwei Blocks. Wir ritten ein und hielten in einem Innenhof, der einmal von einem Kristalldach überdeckt gewesen war. Reste der Dachverkleidung hingen noch in den Eisenholzrahmen, die sie einst getragen hatte. Nun war es ein offener, lichter Innenhof, der zu beiden Seiten von lehmziegelgedeckten Hallen gesäumt wurde.

Hinter uns schlossen sich die Tore wieder und mit einem dumpfen Geräusch rastete der starke Eisenholzriegel ein, der wohl selbst dem Ansturm einer Kampfspinne standgehalten hätte. Schlagartig nahm auch der Geräuschpegel ab, in der Halle war es fast still. Die Ghumpas kollerten leise.

Der Stauerviez kam aus seiner Baracke und humpelte auf uns zu. Sein rechtes Bein zog er etwas ach, was auf einen Arbeitsunfall hindeutete.

Die Stauervieze der Großhändler waren oft altgediente Packer und Stauer, die schwere körperliche Arbeit nicht mehr verrichten konnten, aber deren Erfahrung im Umgang mit Waren und Gütern für den Händler unverzichtbar waren, sie genossen stets eine Vertrauensposition im Betrieb. Der Viez überwachte das Lager, versah die Eingangskontrolle und war quasi der Vorarbeiter der Packer und Stauer. Die Packerkolonnen hatten die Aufgabe, einen Trail möglichst schnell zu entladen, während die Stauer dann die gekennzeichneten und portionierten Waren in die Regallager verfrachteten, um sie platzsparend und logisch sortiert zu lagern.

Der Stauerviez sah mich an und fragte: “Aye,Dom. Seid Ihr der, welcher von Beth Sharia erwartet wird?“

Aye. Ich bin der aus dem Westen, der von Osten kommt und nicht fürchtet, den Norden zu durchreiten, um im Süden das Ziel zu finden.“

Das war der vereinbarte Geheimcode, Parole und Gegenparole. Der Viez nickte und ging zurück zu seinem Verschlag Er hantierte hinter der Kristallscheibe an irgendwelchen Hebeln, die er in einer scheinbar willkürlichen Art und Weise hin- und herbewegte.

Ein knirschendes Geräusch lenkte meine Aufmerksamkeit wieder in die Mitte der großen Halle. Dort senkte sich ein Teil des Bodens langsam ab, so dass sich eine Rampe öffnete, die in ein geheimes Untergeschoß führte. Mit einem dumpfen Geräusch setzte die gewaltige Steinplatte im Keller auf und der Viez nickte mir von seiner Baracke aus zu. Der Weg war groß genug, einem Trail Platz zu bieten. Ich schüttelte den Tambur, und meine Ghumpas folgten mir in das dämmrige Kellergewölbe. Im Untergeschoß war die Halle nur halb so breit wie der ebenerdige Teil, aber die Ausmaße dieser Gruft waren immer noch imposant. Ich war mir sicher, dass dieser Raum auf keinem offiziellen Bauplan verzeichnet war und er war mit Sicherheit älter als das darüber stehende Gebäude.

Allem Anschein nach handelte es sich hierbei um ein altes Zahnwalbecken, wie sie vor über 300 Zyklen noch in dieser Gegend üblich waren, zumindestens deuteten die verwaschenen Wandbemalungen in diese Richtung. Die Herrscher des antiken Gonda-Lah hatten überall in der Stadt pompöse Gärten und zoologische Anlagen errichten lassen, in denen sie die seltenen Spezies des Planeten zu ihrem Vergnügen gehalten hatten, so auch die inzwischen ausgerotteten mannslangen Zahnwale der veltrischen See, deren betörender Gesang einzigartig in den Meeren gewesen war. Ausgedehnte botanische Gärten, durchsetzt von Gehegen, Corrals und künstlichen Wasserbecken waren in späteren Zeiten der wachsenden Industrie und Besiedelung gewichen. Der Clan, dem dieses Gelände schon seit Generationen gehörte, hatte die Gunst der Stunde geschickt zu nutzen gewußt und das alte Becken zu einem Kellergewölbe umfunktioniert, indem es einfach mit riesigen Steinplatten abgedeckt wurde und darüber ein Warenhaus errichtet worden war. Ich hatte die Rampe vorher nicht ausmachen können, ähnlich ging es wohl auch den Eintreibern des Kaisers, so dass sich in diesem Gewölbe wohl einige gute Geschäfte tätigen ließen, ohne dass dafür der Staatszins gezahlt wurde. Ein einträgliches Nebengeschäftchen, wie es schien.

Als wir den Trail in dem geräumigen Keller manövriert hatten, schloß sich über uns die Rampe wieder. Nun wurde der Raum ausschließlich von großen gläsernen Behältern erhellt, in denen große Myzel von Leuchtpilzen gezüchtet wurden. Die biologischen Reaktionen im Myzel tauchten das Geheimlager in ein bläuliches Licht, und kein durch irgendwelche Ritzen dringender Öldunst oder Rauch verriet das Versteck. Es war angenehm kühl hier unten und es roch etwas mulchig, was wohl von den Pilzen herrührte. Ich brachte den Trail mit dem Tambur zum stehen und sah mich um. Zu meiner Linken gab es ein großes Krukenlager, wahrscheinlich Weine und Spirituosen, die der Händler vor den Staatseintreibern versteckte. Interessanter wurde es im rechten Bereich, dort lagerten Kisten mit Metallbeschlägen, die wahrscheinlich Waffen beinhalteten. Ich erkannte die Form der Beschläge, es waren segurianische Trailkisten, von denen man die üblichen Händlerglyphen entfernt hatte. Schmugglerware, kein Zweifel.

Ich sah Chahani an und nickte ihr zu, das Zeichen zum Absitzen.

„Wo sind wir hier, Dom?“ fragte sie.

„Bei Freunden, Chahani, bei Freunden.“ entgegnete ich und sah mich um.

„Gewiß seid Ihr das, Schwertmeister!“ donnerte eine Stimme von achteraus, und ein beleibter Mann mit segurianischen Zügen trat aus dem Schatten einer großen Säule hervor. Er kam zu uns herüber und wir umarmten uns.

„Tenebra, alter Freund. Schön, Euch wiederzusehen.“ ich klopfte ihm auf die Schultern.

„Ich freue mich ebenfalls, Fela. Lang ist es her.“ meinte er und mit einem fragenden Blick zu Chahani: „Wer ist die Schöne an Eurer Seite? Euer Liebchen etwa?“ er grinste unverschämt.

„Das ist Chahani, eine Begleiterin. Sehr Euch vor, sie vermag ausgezeichnet mit Waffen umzugehen“ sagte ich schnippisch. Er verbeugte sich vor ihr und wandte sich wieder zu mir um. „Seid meine Gäste heute Abend, es gibt viel zu besprechen. Ich habe Euch in meinem Haus ein Nachtlager bereiten lassen, allerdings befürchte ich, dass ihr euch ein Zimmer teilen müsst. Ich hatte nicht mit Begleitung gerechnet, Fela. Ich bin begierig auf Geschichten aus der Heimat, Ihr müsst mir alles erzählen.“

Mit einer Handbewegung bedeutete er uns, ihm zu folgen. Wir holten unsere Bündel von den Reittieren, und geschäftige Hände kümmerten sich sogleich um Tiere und Ladung.

Wir folgten Tenebra durch die Halle, an deren Ende wir über eine steinerne Wendeltreppe nach oben gelangten. Durch eine Falltür gelangten wir in ein kleines Gartenhaus, das mit Gerätschaften vollgestellt war. Wir verließen den Geräteschuppen und gingen durch den üppig bepflanzten Garten zum Haupthaus, das wir durch einen Seiteneingang betraten. Tenebra führte uns in das Obergeschoß und wies uns ein großes Zimmer, das ausreichend eingerichtet war, um zwei Gästen eine bequeme Übernachtungsmöglichkeit zu bieten.

„Ich denke, wir essen in etwa zwei Glasen, Ihr könnt Euch noch etwas frisch machen. Ich lasse Euch dann zum Essen rufen.“ Damit schloß er die Tür hinter uns und ich hörte seine Schritte auf der Treppe nach unten poltern.

Chahani und ich legten unsere schwere Reitkleidung ab und wuschen uns den Staub vom Leib. Da das nicht allzu lange dauerte, hatten wir bis zum Essen noch etwas Zeit. Ich setzte mich an den Tisch und goß uns aus der bereitstehenden Karaffe Wein ein.

„Warum sind wir nicht eingeschritten vorhin auf der Straße?“ kam sie ohne weitere Umschweife zur Sache. Sie sah mich herausfordernd an. In ihren Augen blitzte Streitwut.

„Chahani, ich wäre der jungen Mutter gern zur Hilfe geeilt, ich bin kein Unmensch. Aber ich habe einen Auftrag zu erfüllen, der wichtiger ist als das Leben dieser Frau.“

Ich machte mir nicht die Mühe, zu glauben, dass diese Antwort sie befriedigen würde.

„Wie? Was kann wichtiger sein, als das Leben einer liebenden Mutter?“ Ihr Blick wurde verächtlich.

„Die Leben von einer Million Menschen!“ erwiderte ich trocken. „Ich konnte dieser Frau nicht helfen, ohne die Mission zu gefährden. Wenn aber die Mission erfolgreich ist, wird ihr Kind vielleicht in Kürze zu ihr zurückkehren können oder zumindest als freier Mensch aufwachsen dürfen.“

„Die Mission? Was ist das für eine Mission? Ich bin mir sicher, dass die Ghumpas bis obenhin mit Waffen beladen waren. Aber was macht es so wichtig, etwas Eisen über das Leben eines Kindes zu stellen? Wir hätten die Wachen ohne weiteres fertig machen können. Verlorenes Eisen kann man ersetzen, Leben nicht.“

Eigentlich hatte sie ja Recht. Aber, ich hatte eben nicht nur Eisen geladen. Ich sah Chahani an. Ihr wilde, ungezügelte Art, Ihr Zorn, das Temperament machten sie noch schöner, als sie ohnehin schon war. Ihre Augen funkelten böse, und an ihren Schläfen pochte es. Was für ein Weib! Ich hätte mich zu gern zu ihr hinübergebeugt, und sie leidenschaftlich geküsst.

„Chahani, ich bitte Dich, zu verstehen, dass meine Ladung von höchster Wichtigkeit ist für die Rebellion. Sie kann dazu beitragen, dass dieses sinnlose Morden, die Willkür und die Korruption endlich aus diesem Land verschwinden. Ich bitte Dich, mir zu vertrauen, denn ich vertraue Dir auch.“

„Vertrauen… vertraust Du mir wirklich, Fela?“ Sie sah mich fragend an.

„Würde ich das nicht tun, wärst Du tot.“ Entgegnete ich nüchtern. Das entsprach der Wahrheit.

Sie nickte, denn sie wusste, dass es so war. Sie hob den Kopf und schüttelte den Kopf. Eine Geste, die mit ihren vormals langen Haaren sicherlich stets beeindruckend gewesen war, nun aber etwas deplatziert wirkte. Ich grinste sie an, und wir mussten beide Lachen. Sie stand auf, kam um den Tisch herum und setzte sich zu mir auf die Bank. Sie sah mir tief in die Augen.

„Du bist in mich verliebt, nicht wahr?“ sagte sie mit einem Mal völlig unvermittelt.

„Ja.“

„Nun, dann beruht das wohl auf Gegenseitigkeit, schätze ich. Ich habe mich schon in der Taverne in Dich verliebt, Fela. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist etwas Starkes, Magnetisches, das mich zu Dir hin zieht, seit ich Dich das erste Mal sah. Ich liebe Dich, mein Schwertmeister.“ Damit legte sie ihre Arme um meinen Hals und drückte ihre Lippen auf die Meinen. Wir küssten uns lang und intensiv, bis es an der Türe klopfte. Wir lösten uns voneinander und ich rief zu Tür: „Ja, herein!“

Die Türe öffnete sich, und herein kam ein Hausdiener, ein schmächtiger Jüngling von vielleicht 15 Zyklen mit neonubischen Zügen. Er wirkte etwas schüchtern, als er uns mit gesenktem Kopf leise ansprach.

„Der Majordomus lässt ausrichten, dass ein Nachtmahl bereitet ist. Er lädt euch ein, ihm Gesellschaft zu leisten.“

Ich antwortete ihm. „Geh und sag dem Majordomus, dass wir gleich kommen. Ich kenne den Weg.“

Die Tür schloß sich wieder. Wir erhoben uns und gingen nach unten in die große Empfangshalle, in der ein gewaltiger Kamin in der Stirnwand angenehme Wärme spendete. Ein großer Tisch füllte ein gut Teil der Halle aus, er war üppig mit köstlichen Speisen belegt. Tenebra stand mit drei weiteren Männern am Kamin. Sie waren in ein Gespräch vertieft und tranken. Der Raum war in teuerstem gondrischen Alabaster gekleidet, filigraner Stuck zierte die gewölbte Decke, von der ein imposanter Lüster herab hing. An der Seite gab es eine Fensterfront mit bunten Kristallglaseinlagen, die Jagdszenen aus der segurianischen Pampa zeigten. An der gegenüberliegenden Wand hing eine eindrucksvolle Sammlung historischer segurianischer Hieb- und Stichwaffen. Ein heimatliches Gefühl überkam mich, als wir die Halle betraten.

Tenebra, der hier unter dem amen Beth Sharia residierte, sah uns hereinkommen und winkte uns zum Kamin heran.

„Ah, Dom Fela, Doma Chahani! Nur herein, herein! Leistet uns Gesellschaft!“ Offensichtlich war Tenebra bester Stimmung. Auch seine Gesprächspartner sahen zu uns herüber. Sie waren gondrischer Abstammung, wie unschwer zu erkennen war.

„Das Essen ist gleich soweit, nehmt Euch einen guten segurianischen Calva-Meth, Dom Fela. Der hier ist mehr als 30 S´rathzyklen gelagert, ein feiner obergäriger Tropfen.“ Er schwenkte seinen fein ziselierten Becher, der im Volumen durchaus Tenebras Statur entsprach. Andere Leute wuschen sich wohl die Hände in solchen Gefäßen, mutmaßte ich. Leise, versteht sich.

Wir gingen zum Kamin, füllten uns jeder einen Becher und gesellten uns zu der Gruppe am Kamin. Die Nächte waren kalt hier in Gonda-Lah, und die wohlige Wärme des Feuers tat gut.

„Darf ich vorstellen, meine Herren,“ begann Tenebra an seine Gäste gewandt, „Dom Fela Ibn Aib Noirez, der wohl beste Schwertmeister des segurianischen Reiches. Und seine entzückende Begleitung, Doma Chahani.“ Die drei Männer nickten mir zu und deuteten vor Chahani eine leichte Verbeugung an. Tenebra stellte seine Gäste vor. „Das hier…“ er deutete auf den hochgewachsenen Hageren zu seiner Rechten, „…ist Tulkman Donahai, erster Ratsherr der Gilde der Freihändler von Gandri.“ Ich nickte dem Mann zu. „ Hier …“ er deutete nach links, wo ein untersetzter, gut gekleideter Mann mittleren Alters stand, dessen Haarpracht langsam arg an Dichte verlor, „…haben wir Guldur Chan, den zweiten stellvertretenden Haushofmeister des Kaisers Ninurta. Ein guter Freund unseres Hauses.“ Ich nickte diesem ebenfalls zu.

Dann ging er zwei Schritte zu der dritten Person, die etwas verdeckt im Schatten einer Kriegerstatue stand und ihm nun zwei Schritte entgegekam. Nun fiel das Licht auf ein kantiges, windgegerbtes Gesicht, in dem eine nicht geringe Anzahl von Narben auf so einige überstandene Kämpfe schließen ließ. Der Teint des Mannes war dunkel, seine Augen standen nah beieinander unter buschigen Brauen, und lange schwarze Haare umrahmten das Gesicht. Er war von kräftiger Statur, sehnig und muskelbepackt. Er mochte vielleicht so alt sein, wie Tenebras Calva-Meth, aber seine wachen und leuchtenden Augen zeugten davon, dass er gewiß kein Jungspund oder Dummkopf war.

„Das ist unser besonderer Gast“, bemerkte Tenebra grinsend, „es ist mir eine Ehre, Euch Mah´di Shazbaken vorzustellen.“

„Der Khan…“ murmelte ich. Chahanis Kopf ruckte zu mir herum und sie sah mich überrascht an. Mah´di Khan war der Führer der Rebellentruppen und damit der meistgesuchte Mann in ganz Gonda. Auf seinen Kopf hatte der Kaiser 100.000 Goldschekel ausgesetzt, eine horrende Summe, die angesichts der Popularität des charismatischen Renegaten sicherlich angemessen war. Mah´di Khan kam auf mich zu und verbeugte sich höflich vor Chahani und mir.

„Ja, der Khan. Ich bin erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Dom Fela. Tenebra hat viel Gutes über Euch zu berichten gewusst. Ich muß gestehen, ich war sehr neugierig, den Mann zu treffen, der allein mit den Schwertern eine wilde Kampfspinne zu besiegen wusste.“

Da hatte der gute alte Tenebra wohl reichlich Vorschußlorbeeren verteilt…

„Und ich bin erfreut, den Mann kennenzulernen, der es schafft, die gesamte kaiserliche Armee nur durch seinen Namen in Furcht und Schrecken zu versetzen“ gab ich grinsend zurück. Er sah mich ernst an.

„Dom Fela, ich bin ein Diener meines Volkes, es spricht durch meinen Mund. Die Furcht, die der Kaiser empfindet, ist die vor seinen eigenen Untaten. Die Armee fürchtet nicht mich, sie fürchtet ihre eigene Feigheit. All diesen Dingen gaben sie meinen Namen, um sich der eigenen Furcht nicht stellen zu müssen. Diese Furcht tötet ihr Bewusstsein und macht sie gefügig, willenlos und zu Werkzeugen des Bösen. Die Furcht führt zu völliger Zerstörung des freien Willens. Ich sehe ihr ins Gesicht. Sie soll mich völlig durchdringen. Und wenn sie von mir gegangen ist, bleibt nichts zurück. Nichts außer mir. Darum bin ich der Khan, das Eidolon ihrer Furcht.“

„Wohl gesprochen, Khan. Die Stimme Eures Volkes spricht mit weiser Zunge.“ Entgegnete ich und prostete ihm zu. Er erwiderte die Geste und leerte seinen Becher in einem Zug.

Am anderen ende des Raumes öffnete sich eine Tür, und die Bediensteten trugen die warmen Speisen herein. Auf einen Wink Tenebras verschwanden sie so schnell und lautlos, wie sie gekommen waren.

„Nun denn, lasst uns essen, liebe Freunde!“ Tenebra klatsche in die Hände und schritt zur Tafel. Er setze sich an den Kopf des Tisches. Wir anderen suchten uns Plätze an den Flanken und setzten uns ebenfalls. Chahani und ich nahmen an der linken Flanke Platz, die anderen Gäste saßen uns gegenüber. Der zweite stellvertretende Haushofmeister sprach ein gondrisches Tischgebet, während Tebenra schon in den Schüsseln rührte.

Daß Tenebra ein Mann des guten Geschmacks war, wusste ich seit langem. Doch was er uns hier auftischte, war schier unglaublich. Ich vermutete, der Kaiser selbst aß nicht so gut wie wir an diesem Abend. Ich zog die verführerischen Düfte in meine Nase ein und ließ den Blick über die Tafel schweifen.

Da waren drei verschiedene Sorten Ra´chd, gedünsteter Flugfisch, der köstlich nach Rimpinellkraut duftete, Reshtak-Brühklopse in einer scharf riechenden roten Tunke von Gappaschoten, am Feuer gegrillte Onkerfleischspießchen, ein gerösteter Shinga-Vogel mit Honigkruste und Moorlandkrabben in Lake. Dazu gab es Süßknollen, junge Sudrübchen, gestoften Frostkohl, Fenderkrautmus und songenannte Onkeraugen, kleine Pfannkuchen aus Rieselgras mit einem Klecks Pintabeerenpürree darauf. Zwei Körbe mit verschiedenen Sorten Rieselgrasbrot standen bereit und eine große Schale mit Früchten der Saison.

Wir langten alle ordentlich zu, und es wurde geschmaust. Die segurianischen Tischsitten schrieben vor, dass während des Hauptmahls nicht gesprochen werden durfte, und alle Anwesenden respektierten dies. Nach etwa anderthalb Glasen war das große Mahl beendet und Tenebra läutete mit einer Glocke nach den Dienern, welche sofort herbeieilten und das Essen abräumten. Einige kleine Süßspeisen, Konfekt, Backwerk und Getränke wurden aufgetragen, und die dienstbaren Geister verschwanden wieder. Nun begann der gemütliche Teil des Abends. Wir füllten unsere Becher und kosteten von den Spezereien.

„Was gibt es Neues aus der Heimat, Dom Fela?“ Tenebra sah mich fröhlich und gutgelaunt an „Ist der alte Teg Aib Noirez noch am Leben und malträtiert die Kadetten? Wie geht es auf dem Gut, laufen die Geschäfte?

„Danke der Nachfrage, die Geschäfte gehen gut. Der alte Teg ist tatsächlich noch am Leben und sein Temperament und seine Stimmgewalt scheinen mit den Zyklen noch zuzunehmen. Der imperiale Rat ist allerdings etwas in Sorge wegen der aktuellen Lage in Gonda-Lah. Es heißt, die Rebellen hätten einige Verluste hinnehmen müssen und die Position des kaiserlichen Hauses sei in letzter gestärkt worden.“

Der Haushofmeister Guldur Chan antwortete mir “Das ist richtig, die kaiserliche Geheimpolizei hat einige Erfolge verbuchen können, und das geknechtete Volk erliegt nur allzu oft der Versuchung, sich ein Kopfgeld zu verdienen. Wir sehen darin ein großes Problem, zu dessen Lösung Ihr hoffentlich beitragen könnt. Eure Lieferung ist jedenfalls ein großer Schritt vorwärts in Richtung Umsturz. Die Splittergruppen sind noch zerstritten. Der Khan muß diese kleinen Grüppchen vereinen, um einen Marsch auf Gonda-Lah wagen zu können. Doch wir sind nicht genug. Wir brauchen Unterstützung, massive Unterstützung, Dom.“

„Aber die umliegenden Reiche unterstützen Euch doch nach Kräften, die Gilde pumpt hunterttausende Schekel jeden Zyklus in die Bewegung.“ entgegnete ich.

Der hagere Gildenmann beugte sich über den Tisch. „Es geht nicht um Geld, Dom Fela. Waffen besitzen wir genug, nicht zuletzt durch Euren wagemutigen Trail sogar in einer Form, der Ninurta nichts entgegenzusetzen hat. Nur das reicht eben nicht. Wir haben nur einen einzigen Versuch, um Gonda-Lah zu erobern, wenn wir fehl gehen, war die Anstrengung der letzten Zyklen umsonst. Was wir brauchen, sind Krieger, die unsere Waffen zu führen verstehen. Mah´di Khan ist ein exzellenter Anführer, ein brillianter Stratege, ein wahrlich großer Mann. Aber seine Truppe reicht nicht aus, Ninurtas gewaltige Armeen zu schlagen, selbst wenn wir mit Bum-Gum die ganze Stadt in Schutt und Asche legen, was zweifelsohne möglich ist. Ninurtas Legionen würden uns überrennen.“

„Was Ihr braucht, ist also ein anständiger Plan, ja? Und natürlich Söldner.“ Der Einwurf kam von Chahani, die der Unterhaltung aufmerksam gelauscht hatte.

Tenebra mischt sich ein. „Dom Fela, ich habe über meine Routen Kontakt zum Kriegervolk der Mandraken aufgenommen. Sie wären unter Umständen bereit, uns mit Söldnern zu unterstützen. Allerdings müsste der Khan den Warlord der Mandraken aufsuchen und ihm unser Angebot persönlich unterbreiten.“

Ich blickte Tenebra nachdenklich an. „Xul Eisenbeisser, der Warlord der Mandraken … er ist ein unberechenbarer Typ. Fraglich, ob ein Handel mit diesem Berserks Bestand hat, mein Ihr nicht auch? Die Mandraken sind unzuverlässig, engstirnig, unzivilisiert und ihre Disziplin lässt sehr zu wünschen übrig. Wie wollt Ihr Xul dazu bringen, seine Leute in diesen Kampf zu schicken?“

„Das ist meine Aufgabe, Dom Fela.“ warf Mah´di Khan ein. „Wichtig ist, dass ich die schwebenden Inseln sicher erreiche, um mit Xul zu reden. Ich bin der Khan, und ich denke, ich werde ihn überzeugen können. Eure Aufgabe soll es sein, mir sicheres Geleit zu den Mandraken zu geben.“

Damit war die Katze aus dem Sack. Ich hatte mich eigentlich darauf eingerichtet, morgen meine Ghumpas wieder nach Seguria zu führen, um mich dort um die nächste Lieferung zu kümmern. Genau das sagte ich Tenebra.

„Sorgt Euch nicht um Euren Trail, Dom Fela. Die Tiere werden hier gut versorgt sein, bis Ihr wiederkehrt und der Taifunkampf vorüber ist. Wenn es uns gelingt, die Mandraken von der Notwendigkeit dieses Kampfes zu überzeugen, ist mehr gewonnen als mit zehn weiteren Waffenlieferungen. In diesem Moment werden die Bum-Gum Ladungen an den strategisch wichtigen Positionen deponiert und die Sprengmeister warten nur auf das Zeichen. Sorgt ihr nur dafür, dass wir eine aggressive Offensivstreitmacht aufstellen können, dann ist der Sache gut gedient.“

Ich überlegte kurz.

„Eine Reise zu den äußeren Kontinentalringen erfordert andere Reittiere. Ich brauche drei gut ausgebildete und flugfähige Kampftraks, am besten Djiati-Ghenas. Und Proviant für einen Mondzyklus. Könnt Ihr einen Kampftrak in der Luft reiten, Khan?“ Ich sah ihn an.

Er nickte „Sicher.“

Tenebra sicherte zu, dass drei voll ausgebildete und gut konditionierte Kampftraks der gewünschten Gattung bis zum übernächsten Tag bereit stehen würden. Und wir wurden uns einig, wie die Reise von statten gehen sollte. Ein Ausflug zu den „schwebenden Inseln“ war kein Spaziergang. Auf dem Weg in dieses Areal gab es reichlich Gefahrenherde, und die Inseln selbst zu durchreisen war gewiß kein Pappenstiel. Die Mandraken wanderten über die Inseln, und wir würden den Kernstamm erst ausfindig machen müssen. Bis dahin waren wir stets willkommene Ziele für die verstreut lebenden Krieger.

Im Laufe des Abends erörterten wir noch weitere Einzelheiten und diskutierten die aktuelle Lage. Fest stand, dass der Befreiungsschlag gegen das Regime von Ninurta binnen innerhalb der nächsten sechs Mondzyklen geführt werden musste, da seine Macht durch die ständigen Eroberungskriege ständig anwuchs. Ich sagte den Anwesenden zu, während der Reise mit dem Khan einige strategische Gedanken zu diskutieren und erklärte mich bereit, eine Armee der Rebellen in die offene Feldschlacht vor der Stadt zu führen. Tenebra versicherte mir, dass er in der Lage sei, mein Offizierskorps aus Seguria in den nächsten zwei Monzyklen unauffällig zu den Schlüsselpositionen auf der gondrischen Hochebene durchzuschleusen. Bei meiner Rückkehr würden mir meine Bashars zur Seite stehen. Ich musste mir nur noch ein Heer aufstellen.


Wir konnten nicht erwarten, dass unsere Streitmacht unbemerkt aufziehen können würde. Die Armeen des Kaisers würden uns also auf dem großen Schlachtfeld erwarten. Die grobe Taktik sah vor, in der Stadt durch starke Explosionen und gezielte Aufstände Terror zu verbreiten, während wir in zwei Keilen Ninurtas Armeen draußen spalten würden, um die Formation zu schwächen. Dann würden wir konzertiert an allen Punkten gleichzeitig zuschlagen, um Ninurta zu besiegen.


Je mehr ich überlegte, desto mehr wuchs in mir die Erkenntnis, dass wir mit unkonventionellen Methoden und antizyklischen Strategien würden operieren müssen, um Ninurtas gewaltige Armee zu bezwingen. Der Plan war bislang alles andere als durchführbar.


Am späten Abend gingen wir auseinander und der Khan und ich verabredeten uns für den Nachmittag des übernächsten Tages hier vor Ort. So hatten Chahani und ich noch einen ganzen Tag zusammen, was mir sehr gut gefiel. Wir gingen auf unser Zimmer, in dem ein Hausdiener den Kamin entfacht hatte, so dass uns wohlige Wärme erwartete. Müde vom anstrengend Tag fielen wir in das große Bett und schliefen schon nach wenigen Momenten tief und fest.

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