arcanamundi.de - Leseproben und Bestellmöglichkeiten

Anzeigenwerbung

Erotische Kunst bei Ars Vivendi

Absolute Rarität!

H.R.Giger Bildband
hochwertig und handsigniert
Hier klicken!

 

SHORTCUTS -

Weird Fiction Tales

Hier eine Leseprobe aus der Weird-Fiction Sammlung:

Golf von Mexiko, 1965

Fleet Commander Gordon Sedrick traute seinen Ohren nicht, als einer der beiden Männer, die vor ihm am Tisch der Offiziersmesse saßen, von den vergangenen Ereignissen berichtete.
Sedrick war befehlshabender Offizier an Bord des Navytenders Omaha. Sein Schiff hatte vor einigen Stunden einen Notruf der MS FREEDOM erhalten, die sich nördlich von Yukatan in akuter Seenot befand und zu sinken drohte. Da die Navy etwa 140 Seemeilen entfernt von der letzten Position ein Geleitzugmanöver durchführte, hatte der Geleitzugkommandant, Admiral Clark, dem leeren Tender und einem Minensucher befohlen, sich in das Gebiet zu begeben und nach Überlebenden zu suchen.
Nach 5 Stunden AK-Fahrt hatten die Schiffe das Zielgebiet am 24. Breitengrad erreicht und mit der Rettungsaktion begonnen. Man hatte lediglich zwei Überlebende aus den Wrackteilen, die weit verstreut an der Unglücksstelle umhertrieben, bergen können. Es schien, als sei der Rest des Schiffes mit Mann und Maus im 4000 Meter tiefen Mexiko-Becken versunken.
Die See war ruhig und glatt, an die Aufnahme weiterer Schiffbrüchiger war nicht zu denken, so daß Sedrick eine Meldung an den Geleitzug durchgab und Kurs auf amerikanische Hoheitsgewässer setzen ließ.

Und nun saß er mit drei Sicherheitsleuten und den beiden Männern hier in der Messe und hörte Dinge, die nicht einfach zu glauben waren.
"Noch einmal." Der stämmige Seemann, der kurz vor der Pensionierung stand, sah den linken der beiden Männer, der zu ihm gesprochen hatte, an. Seine Stimme hatte einen ungläubigen Unterton. "Was ist auf diesem Schiff geschehen? Ich will die Wahrheit hören."
Die Geschichte, die der Schiffbrüchige da vorhin bei seiner Rettung in groben Zügen hastig von sich gegeben hatte, war zu abstrus, um der Wahrheit entsprechen zu können.
Aber andererseits, warum sollte ein Schiffbrüchiger, der obendrein nicht zur Besatzung zu gehören schien, einen derartigen Mumpitz erfinden? Der Commander war sich nicht schlußendlich sicher, ob die Dinge, die hier geäußert wurden, Hirngespinste eines Idioten oder Auswirkungen des Schocks waren, die der Unfall sicherlich bei den Überlebenden ausgelöst hatte.
Er entschloß sich jedoch, die Geschichte des jungen Mannes noch einmal zu hören.

"Also gut: Name, Alter, Wohnort. Das gilt auch für sie." Dabei wandte sich Sedrick an den rechten, älteren der Männer, der bis dahin nicht ein Wort gesagt hatte. Er wirkte seltsam abwesend, seit ihn das Beiboot in den Armen seines Gefährten, der sich an einige Wrackteile klammerte, auf See treibend aufgefischt hatte.
"Er wird ihnen nicht antworten, Käpt´n. Er hat den Verstand verloren."
Sedricks Blick haftete wieder auf dem linken der beiden. eine Frage stand in seinen Augen.
"Man hat ihn an Bord der Freedom manipuliert. Sie werden sich mit meiner Aussage begnügen müssen"
"Also..." erneuerte der Commander seine Aufforderung.
Der junge Mann sprach weiter. "Mein Name ist Jack Parsons. Ich bin 27 Jahre alt und wohne in Portland, Maine. Mein bemitleidenswerter Begleiter ist Mister Devon Kalderon aus New York, der mit mir zusammen an Bord der MS Freedom war, als sie zerstört wurde.
Ich schwöre ihnen, daß das, was ich sage, die reine Wahrheit ist. Alles, was ich berichte, habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ich erzähle ihnen davon aus einem einzigen Grund: Es gibt etwas in diesem Teil des Meeres, das die Welt, wie wir sie kennen, in ihren Grundfesten erschüttert, wenn nicht umgehend gehandelt wird. Ich beschwöre sie, Käpt´n: Verfertigen sie über unsere Unterhaltung einen Bericht und geben sie ihn an den militärischen Geheimdienst. Übergeben sie ihren Bericht direkt an General Norton im Departement VII und an niemand anders. Mehr verlange ich nicht von ihnen."
Sedrick überlegte kurz. Diese Stabstelle im Army-internen Sicherheitssystem gab es tatsächlich, und die Existenz des Departement VII war Geheimsache. Er selbst wußte allein dadurch von dieser Ermittlungsgruppe, weil er einmal von eben genanntem General Norton mit höchster Security-Stufe verpflichtet worden war, eine Truppe gediegener "Wissenschaftler" nach dem Südpolgebiet zu verschiffen, wo sie irgendwelche Messungen durchführen wollten. Sein Rendevouz-Auftrag war damals kurzfristig ohne Angabe von Gründen annulliert worden. In dieser Zeit war auch kein anderes Schiff dorthin abkommandiert worden. Einige Monate später hatte es in der Presse geheißen, ein Polarforschungsteam sei bei Messungen Im ewigen Eis des Südpols ums Leben gekommen. Vielleicht gab es einen Zusammenhang zwischen diesen seltsamen Unglücksfällen.
Der Commander sah Parsons an und nickte. "Okay, Jack. Ihre Aussage wird vom Stenotypisten mitgeschrieben und, mit einem Bericht von mir versehen, an General Norton persönlich überstellt. Aber nun will ich wissen, was auf der Freedom vorhin geschah, und welche Rolle sie zwei dabei spielen. Ich höre."
Er schob zwei Tassen Kaffee vom Rand des Tisches vor die beiden Schiffbrüchigen hin und setzte sich erwartungsvoll zurück.

Parsons sah zum Commander auf und senkte wieder den Kopf, so, als suche er einen unsichtbaren Fernsehschirm, der ihm die Szenen der jüngsten Vergangenheit noch einmal vorspielte. Er begann seinen ausführlichen Bericht über die Ereignisse der letzten Tage, wie sie sich ihm selbst dargestellt hatten.


"Wie sie vielleicht wissen," begann er zögerlich zu erzählen, "tauchte in den Fünfzigern in verschiedenen Staaten eine neue 'Kirche' auf. Ein abstruser Verein, der sich
Church of New Technology
nennt, und seit seinem Erscheinen aus den Nichts enorme Ausdehnung erfährt. Sie feiern ihren Gründer -LaVerne Hazard- in sogenannten BioTech-Centers, in denen sie Unmengen Kapital verschwinden lassen. Dieser Hazard war früher in verschiedenen OTO-Logen aktiv, bis er mit seinem Partner eines Tages eine fatale magische Operation durchführte, mit dessen Geld durchbrannte und daraufhin das Standardwerk der Technology Church verfasste: Biotechnics."
Parsons unterbrach sich selbst. "Verzeihen sie, Käpt´n, aber ich muß etwas ausholen, damit sie unsere Motivation zu handeln verstehen. Ich weiß nicht, ob ihnen alle Begriffe meines Berichtes geläufig sind, es ist jedoch wichtig, daß der General die ganze Geschichte erfährt."
"Oh, kein Problem, Mister." meinte der Commander, der sich in weltanschaulichen und auch okkulten Dingen, die ihn schon immer brennend interessiert hatten, recht gut auskannte; zumindest für einen Fleet Commander der US-Navy. Von dieser neuen Sekte hatte er in der Tat schon gehört. Ein seltsamer Verein, der von sich behauptete, Menschen CLEAN machen zu können. Durch die Behandlung, die diese schrägen Vögel anboten, sollte man von allen Charakterschwächen und sogar Krankheiten geheilt werden. Unglücklicherweise wurde man dort auch von seinem Geld geheilt, wie es hieß. Sedrick lehnte sich entspannt zurück.
"Ich habe einige profane Kenntnisse in derlei Dingen, so daß ich denke, ich kann ihnen folgen. Nur weiter."
Parsons nahm einen Schluck von dem heißen Kaffee und fuhr in seinem Bericht fort. Sein Nachbar, dessen Gesicht stark verquollen war, starrte unbewegt in den schwarzen Kaffee und verzog keine Miene.
"Dieses literarische Machwerk wurde aus den gnostischen Praktiken verschiedenster Kulte aller Zeiten, den Schriften verrückter Araber, nicht zuletzt unter Einflußnahme des sogenannten 'Buch des Gesetzes' und der Riten der amerikanischen OTO-Zweige herausderiviert und zum Heiligtum und Generalkodex der Technologen -so nennen sie sich selbst gern- erhoben. Die strikte Anwendung der hierin beschriebenen 'Biotechnologien' garantiert dem von Natur aus behinderten Menschen den Aufstieg zu einer geistigen Existenz, die sie Operating Physis (OP) nennen, eine Art unsterbliches Überwesen, das den Planeten regieren soll. Ihr Ziel ist es, den gesamten Planeten Erde Clean zu machen, ohne Ausnahme. Jeder Mensch auf diesem Planeten soll irgendwann zur Technology Church gehören und das kollektive Ziel verfolgen. Allerdings..." hier nahm Parsons Stimme das erste Mal, seit er an Bord war, einen etwas düsteren Klang an, "...gibt es nur einige Dutzend Menschen auf der Welt, die wissen, was wirklich hinter der neuen Technik steckt!

"Und zu denen gehören sie beide." schlußfolgerte Sedrick, um endlich etwas über die beiden Männer vor ihm zu erfahren.

"Ja, in der Tat," stieg sein Gegenüber daraufhin ins Thema ein, "wir zwei wurden von einer inkognito agierenden Gruppe, die das wahre Wesen der Technology Church erkannt hat und dagegen kämpft, ausgesandt, um einen vernichtenden Schlag gegen den Nukleus der Sekte zu führen. Leider konnten wir unseren Auftrag nur teilweise erfüllen." Er blickte kurz mit zusammengebissenen Lippen zu seinem Nachbarn, wurde dann jedoch von Sedrick angesprochen.
"Dann habt ihr zwei also die Freedom versenkt?"
"Nein. Das war ER." Parsons Gesicht war ein wenig fahl und sein Blick ziellos geworden, als er an den Moment der Katastrophe zurückzudenken schien.
"Wer? Name?? Wer hat das Schiff versenkt? Reden sie, Mann!" Sedrick wollte zumindest einen Namen, den Rest würden die Ermittler besorgen.

Parsons hatte sich wieder gefangen. "Später, später. Ich fahre fort. Wir schleusten uns mit Unterstützung einiger Freunde als Regierungswissenschaftler in die V.I.P.-Organisation der Technologen ein und konnten dort innerhalb von zwei Jahren eine steile Karriere machen. Da man uns für hochrangige Mitglieder des Raumfahrtprogrammes hielt, waren wir von besonderem Interesse für den inneren Stab der Truppe. Und wenn ich Truppe sage, dann meine ich das auch so. Je höher wir in den OP-Graden stiegen, desto mehr offenbarte sich die quasimilitärische, faschistoid organisierte Struktur, die das geistige Gebäude der Technologen stützte. Ab dem OP7°4° wurden wir mit ausgesuchten anderen in besonderen Kaderschulen im Re-Braining -das ist eine Art indirekter Gehirnwäsche- und aktiver Verbalmanipulation geschult. Die Techniken des Synthesized Mindwarp wurden uns vermittelt. Man sagte uns, daß es zum Cleaning-up mehr als nur des Willens zum Überleben bedürfe. Viele würden sich gegen das Glück der neuen Technik sträuben sagte man uns, und gegen diese müsse man mit anderen Mitteln vorgehen.
Als wir dort den OP8°3° erreichten, erfuhren wir das erste Mal von alten Wesen, die lange vor den Menschen die Erde besiedelt hatten und daß diese ihren Planeten zurückhaben wollten. Sie würden uns Menschen jedoch gestatten, als freie Geistwesen weiter hier zu leben, wenn wir dafür bereit wären, alles Materielle ihnen zuzusprechen.
Es wurde uns vorgetragen, daß der letzte Sprung in die rein geistige Existenz ein so gewaltiger sei, daß er nicht beschrieben werden konnte. Allein die Erfüllung unserer Pflichten und das sture Befolgen der Befehle sollte uns in die Lage versetzen, an der letzten Einweihung -der 'Gottwerdung'- teilzuhaben. Dies war das Ziel unserer Aktion. Zu diesem Akt war bisher noch kein Agent unserer Organisation erfolgreich vorgedrungen, und Mr. Kalderon und ich sind die ersten, die von diesem abstrusen Ritual berichten können, denn nach allem, was ich sah, kann ich nicht glauben, daß irgendein normaler Mensch das je überlebt hat."

"Was hat das nun mit den Ereignissen auf der Freedom zu tun?" wollte der Commander wissen.

"Auf der Freedom wird das letzte Initiationsritual der Technology Church durchgeführt, Käpt´n. Unser Auftrag lautete, dieses Ritual über uns ergehen zu lassen, und ES für immer zum Schweigen zu bringen.
Hierfür wurden wir in zwei Jahrzehnten von unseren Auftraggebern planmäßig ausgebildet und mit den nötigen Waffen versehen. Sie, Käpt´n, sind ein Kriegr des Schwertes, wir hingegen sind Krieger des Geistes. Unsere Waffen sind wesentlich kleiner als ihre, jedoch nicht minder tödlich, das kann ich ihnen versichern."
Er blickte dem Commander fest in die Augen. Der schien ihm zu glauben; zumindest tat er so, als ob.
Völlig überzeugt von Parsons Erzählungen war Sedrick noch nicht, aber es war immerhin möglich, daß er die Wahrheit sprach. Ein Geräusch am Metallschott hinter ihm ließ ihn herumfahren. Die Luke öffnete sich, und ein junger Maat kam herein. Er salutierte vorschriftsmäßig und erstattete dem Commander Meldung.

"Commander, Kontakt zu General Norton positiv. Er kommt uns bereits seit vier Stunden mit den Schnellboot Redpine 424 direkt entgegen. Voraussichtliches Rendevouz in 23 Minuten. Der General wünscht mit den Geretteten zu sprechen, er ordnet Top Secret an."
"Wenn der General an Bord ist, bringen sie ihn sofort zu mir. Wegtreten."
Der Maat salutierte, der Commander auch, und schon war der Junge wieder verschwunden. Hinter ihm fiel die Luke ins Schloß. Sedrick wandte sich wieder um und bedeutete dem Stenotypisten und der Wache, ebenfalls den Raum zu verlassen, was diese sofort darauf taten. Die bisherige Mitschrift nahm der Commander an sich, und verstaute sie zusammengefaltet in der Brusttasche seines Uniformhemds. Dann wandte er sich an Parsons.

"Okay, Jack. Sie scheinen tatsächlich einflußreiche Freunde zu haben, daß der General sich sogar persönlich hierher bemüht, um sich mit ihnen zu unterhalten. Wissen sie, die Geschwindigkeit, mit der diese Nachrichtendienste von Ereignissen und Begebenheiten erfahren, ist erschreckend. Manchmal frage ich mich, vor wem wir mehr Angst haben sollen: vor diesen Technologen oder vor der CIA. Verflucht.
Sie habens gehört, der General will sie nachher persönlich sprechen. Ich lasse ihnen und ihrem Freund etwas zu essen bringen, sie sehen verdammt hungrig aus. Kann ich sonst noch etwas für sie tun?"
"Ja, bitte. lassen sie für Mr. Kalderon eine Pritsche aufstellen. Ich denke, er muß sich etwas ausruhen. Er hat Furchtbares durchgemacht in den letzten Stunden und braucht dringend etwas Schlaf"
Der Commander nickte und verließ den Raum. Kurz darauf erschienen drei Matrosen mit Essen, einem Feldbett und frischem Kaffe.

Sie halfen mit, Kalderon auf die Liege zu verfrachten und verließen die Messe wieder. Parsons stürzte sich gierig auf das warme Essen und den frischen Kaffee. Es war eine gute, heiße Gemüsesuppe mit reichlich Fleischeinlage, dazu frisch gebackenes Weißbrot zum Stippen.
Die heiße, salzige Brühe lief Parsons Kehle hinab wie ein Strom glutflüssiger Lava und ließ mehr und mehr seine Lebensgeister zurückkehren.
Er genoß das einfache und doch köstliche Mahl in einer Art, daß man meinen könnte, er esse zum ersten und letzten Mal in seinem Leben. Aber dennoch verschüttete er nicht einen Tropfen Suppe. Als er gegessen hatte, setzte er sich zu Kalderon an die Pritsche und flößte ihm einige Löffel Brühe ein, von denen jedoch die Hälfte wieder aus seinen Mundwinkeln herauslief. Wenigstens nahm er einige kleine Schlucke zu sich.
Nach kurzer Zeit erkannte Parsons die Sinnlosigkeit seines Unterfangens. Devon war nicht da. Etwas hatte ihn aus dieser leeren Hülle entführt in eine Dimension des Schreckens, die unglaublicher war, als jede Schilderung der christlichen Hölle es je sein könnte. DAS WESEN, das sie gesehen hatten, war schrecklicher als jeder Teufel, Dämon oder Dschinn. Und es hatte Devon mitgenommen.
Sein leerer Körper würde nun für die Frist bis zu seinem Ableben in irgendeinem Sanatorium dahinsiechen, denn aus der Dimension des Schreckens gab es kein Zurück. Armer Teufel. Wie man hier einmal mehr sah, konnte selbst die beste Planung durch unberechenbare Faktoren noch umgeworfen werden. Dabei hätte es fast perfekt geklappt.
Man hatte Kalderon und ihn in der Zentrale der Organisation in Europa psychisch auf diesen Moment vorbereitet. Man hatte durch umfangreiches Mentaltraining Blockaden in Ihr Bewußtsein programmiert, die eine Gehirnwäsche verhinderten.
Zusätzlich hatte man ihn selbst noch mit einem Spezialauftrag versehen. Er hatte spezielle Symbolfolgen und -konstellationen in Verbindung mit ausgesuchten rituellen Mantren immer und immer wieder visualisiert, intoniert und imaginiert, bis diese so tief in seinem Unterbewußtsein abgelegt waren, daß sie nicht einmal von den besten Hypnotiseuren gelöscht werden konnten.
Parsons war der Träger der Waffe, mit der die Organisation den düstren Feind schlagen wollte. Die Symbole und Formeln, die Jack in- und auswendig kannte, bildeten zusammen ein spezielles Informationsbild, das -einem geistigen Virus gleich- in den Geist eines bestimmten Empfängers eindringen und ihn vernichten sollte.
In Generationen währender Arbeit war dieses geistige Schwert, das durch die geheime Werdandi-Rune symbolisiert wurde, von den Meistern der Geheimorganisation, zu der Parsons und Kalderon gehörten, geschmiedet worden, um nun gegen den mächtigen Feind eingesetzt zu werden. Man hatte ihnen davon berichtet, daß es schon einige Versuche gegeben hatte, diesen geistigen Virus zu übertragen, jedoch waren diese bisher alle erfolglos verlaufen.
Kalderons Aufgabe war es, für den Fall, daß Spionage in ihrem Umfeld deutlich vermutet wurde, den Verdacht auf sich zu lenken, um so Parsons Handlungsspielraum zu verschaffen. So war es dann auch gekommen.

Parsons erinnerte sich an den heißen Kaffee und kehrte langsam in die Jetztzeit zurück. Er nahm einen guten Schluck, und der bittere Geschmack des Kaffees ließ ihn vollends in die Realität zurückkehren. Das Wummern der Maschinen drang wieder an sein Ohr, und er wurde auch wieder der leicht schlingernden Bewegung des Tenders gewahr. Offenbar hatte der Seegang etwas zugenommen, denn die Bewegungen des Schiffe waren deutlicher, als noch vor einer Stunde.
Ein Hornsignal erschreckte ihn. Er spürte, wie der Tender Fahrt wegnahm, auch die Maschinengeräusche wurden leiser. Mehrere unterschiedliche Signale waren zu hören. Wahrscheinlich kam der General in diesem Moment an Bord.
Parsons war erleichtert. Bald nun konnte er endlich seinen Bericht abgeben, der ihm wie ein Stein auf der Seele lag, von dem er sich befreien mußte.

Auf Deck begrüßte in diesem Moment der erste Offizier den General, der mit dem Schnellboot Redpine längsseits gegangen war, und nun an Bord der Omaha kam. Er führte ihn auf die Brücke zu Commander Sedrick, der -entgegen seiner Abneigung zu Angehörigen der Landstreitkräfte, die er für Bettnässer hielt- zackig vor General Norton salutierte. Der General nahm dies zur Kenntnis und grüßte ebenso Vorschriftsmäßig zurück, was Generäle selten zu tun pflegten. In dieser Armee war es wahrscheinlich schon ein Privileg, wenn man von einem höhergestellten Offizier vorschriftsmäßig gegrüßt wurde.

"Commander, bringen sich zu den Überlebenden. Sie und ein Stenotypist werden mich begleiten. Der Raum soll von außen gesichert werden. Die Angelegenheit ist Top Secret!"
"Wenn sie mir bitte in die Messe folgen wollen, General. Die beiden sind dort untergebracht." Der Commander wandte sich nach hinten: "Ferguson, sie kommen mit mir! Henson, sie haben die Brücke."
"Welcher Kurs, Sir?"
Sedrick sah den General an. "Lassen sie die nächste Küstenstadt anlaufen, ich muß dringend meinen Stab erreichen."
"Henson, lassen sie Kurs auf New Orleans berechnen und gehen sie auf volle Kraft! Ich bin in der Messe."
Alle salutierten, und der Commander, der General und Sergeant Ferguson, der Stenotypist, verließen die Brücke in Richtung Messe.

Parsons hörte die Schritte der drei im Gang und setzte sich zurück auf seinen Platz am Tisch. Er stellte den Kaffee vor sich hin, schenkte noch einmal aus der Blechkanne nach, und erwartete voll Ungeduld, daß sich die Türe öffnete.
Der arme Kalderon lag immer noch hohl vor sich hin starrend auf der Pritsche und wußte nicht mehr, wer oder was er war. Es hatte so viele Menschenleben gekostet, und war doch fehlgeschlagen. Was für ein entsetzlicher Verlust. Sie hatten so viel riskiert, und doch nichts gewonnen. Parsons fühlte sich mies.
In diesem Moment verstummten die Schritte im Gang, und das schabende Metallgeräusch der Luke war für einen Moment zu vernehmen. Der Commander, der General und der Stenotypist von vorhin betraten die Messe.

Zuerst trat der Commander in den Raum, nach ihm der General, und dann der Stenotypist, der sorfältig die Luke hinter sich verriegelte. Alle drei setzten sich an den Tisch zu Parsons. Der General saß in der Mitte des Tisches, genau gegenüber von Parsons. Links von ihm saß der Commander, der Stenotypist setzte sich ganz ans Ende des langen Tisches und ging seiner Arbeit nach.

"Schön, sie gesund wiederzusehen, Jack!" Der General, der Parsons angesprochen hatte, schien es wirklich so zu meinen. Sein altes, stählernes Gesicht schien einige zusätzliche Sorgenfalten aufzuweisen, die jedoch in der Vielzahl solcher, die das Gesicht des alten Mannes zeichneten, nicht weiter ins Gewicht fielen.
"Devon hatte nicht soviel Glück." Parsons Stimme war ein Gemisch von Wut, Trauer und Selbstzweifeln, und sie klang auch ein wenig vorwurfsvoll. "Man hätte ihn besser schützen können."

Dem General wars scheint´s genug. "Hätte, hätte, hätte. Devon Kalderon wußte verdammt gut, worauf er sich eingelassen hat. Das wissen wir alle. Kommen sie, Jack. Geben sie mir ihren Bericht."

Der Commander saß immer noch da, ohne daß er bisher ein Wort gesagt hätte. Er begann sich bereits zu fragen, welche Rolle der General ihm wohl zugedacht hatte. Als wenn der General seine Gedanken lesen würde, drehte sich dieser zu ihm herum und sagte: "Ich will, daß sie alles, was dieser junge Mann zu sagen hat, gut in ihr Gedächtnis einprägen. Ich will dafür einen unabhängigen Zeugen haben, denn es hängt sehr viel von dieser Aussage ab. Also, Commander. Hören sie gut zu."

Parsons begann, in seinem Bericht fortzufahren.
"Vor fünf Tagen erhielten wir in unserem Ausbildungscamp in Florida die Order, uns zum abschließenden Führungstraining auf der MS FREEDOM einzuschiffen. Etwa 20 HighTech-Studenten aus dem Camp wurden mit uns per Helikopter direkt zum Ankerplatz der Freedom vor Clearwater geflogen und auf die Quartiere verteilt.
Die Freedom besitzt 6 Innendecks -ohne Brücke- und ein siebentes, das sich scheinbar über die gesamte Kielregion erstreckt. Wir hatten nur einmal Zutritt zu diesem Deck. Das war, kurz bevor das Schiff sank.
Die oberen Decks sind vergleichbar mit denen eines gehobenen Kreuzfahrtschiffes, die unteren Decks sind mit ordentlichen Quartieren, den Mannschaftsunterkünften und darunter den Maschinen- und Versorgungseinheiten bestückt.
Wir hatten am ersten Tag Gelegenheit, uns das Schiff genau anzusehen, obwohl wir sicher waren, daß Kameras uns auf Schritt und Tritt verfolgten. Wir verschafften uns so unauffällig zumindest eine Lokalübersicht, bevor wir entscheiden wollten, wie vorzugehen sei. Devon meinte, das sei das beste, und es hat zumindest mir bei dem Untergang das Leben gerettet. Wir konnten sogar eine abgelegene Funkrelaisstation im Achterschiff lokalisieren.”

"Von da aus haben sie den Alpha-Code gesendet?" fragte der General.

"Ja. Und das war unser Fehler. Wenn wir nicht gesendet hätten, wäre Devon vielleicht heute noch bei uns. Aber verflucht, wer konnte ahnen, daß Er so mächtig ist? Der Alpha-Code ist doch sicher." Man merkte Parsons deutlich an, daß er sich schwere Vorwürfe wegen seiner Fehlentscheidung, eine mit höchster Sicherheitscodierung versiegelte Nachricht mit dem normalen Funkverkehr der Freedom verdeckt zu senden.
Unter normalen Umständen waren solche 'Shuttle-News' überhaupt nicht auszumachen, wenn man nicht genau wußte, daß es sie gab. Die F.S.I., jene Organisation, die Parsons und Kalderon auf diese Mission geschickt hatte, untersuchte den abgehörten Funkverkehr von Zielobjekten grundsätzlich unter Aufwand geheimster Technik nach solchen Huckepacknachrichten. Parsons fragte sich, über was für technische Fähigkeiten der Gegner wohl verfügte. Vielleicht war der Name 'Technologen' gar nicht so weit hergeholt.
"Was passierte dann?" Der General war äußerst ungeduldig. Eine schwere Entscheidung schien ihn heftig unter Druck zu stellen, denn sein Gesicht sah aus, als wenn er unablässig Daten in seinem Hirn verarbeiten würde.
"Am nächsten Morgen, es war gegen 6 Uhr, wurden alle in die Studienräume zum Apell beordert. Auch Dan Mousekovitch, der offizielle Direktor nach dem großen Führer der Bewegung, war anwesend. Unser Gruppenführer baute sich vor uns auf und schrie uns an: 'Meine Damen und Herren, ich denke wir haben ein Problem. Ich habe den starken Verdacht, daß zumindest eine oder einer von euch nicht mit vollem Herzen bei der Sache ist. Direktor Mousekovitch ist deshalb extra hierhergeeilt, um einige grundlegende Worte an euch zu richten. Ich rate euch: hört ihm gut zu.'
Dann trat der ´Direktor´ vor und richtete sein Wort an uns. Sein Ton war richtig väterlich, als seine Predigt begann. Ich erinnere mich noch an seine widerwärtige, etwas sonore Stimme. Er klang wie ein gütiger Vater, der seine Kinder zunächst liebevoll über ihre Fehler belehrt, und sie im nächsten Moment dann halbtotschlägt.
'Meine lieben Freunde. Ihr seid gemeinsam hierhergekommen, um gemeinsam das große Gefühl des Überschreitens der goldenen Brücke zur geistigen Freiheit zu erleben. Gemeinsam müßt ihr auch die letzte Wahrheit in Empfang nehmen, um das Siegel am Tor zur Freiheit zerbrechen zu können. Ihr habt die höchste OP-Stufe nun erreicht. Jetzt gilt es, sie zu überschreiten. Denn ein autonomer und wahrer OP ist über jeden Grad erhaben. Ich bin hierhergekommen, um euch zu ermuntern, alles, was ihr bisher lerntet, in Frage zu stellen und gegebenenfalls zu verwerfen. In vier Tagen werden diese Worte, die euch fremd sind, eine Bedeutung für euch erlangen, von der ihr nicht einmal zu träumen wagt.
Nur eines noch: Ich dulde keinen Verrat. Der Meister haßt den Verrat, die übelste aller Anhaftungen, die ein OP mit sich herumtragen kann. Wo er auftritt, verdient er eine gerechte Strafe.'
Als der Direktor geendet hatte, herrschte einen Moment lang Stille im Raum."

"Gottverdammich!" fiel der Commander dem Erzähler ins Wort, welcher total verdutzt war und mitten in seinem Bericht innehielt. "Entweder sind sie der größte Geschichtenerzähler, den ich je gesehen habe, oder sie müssen ein Gedächtnis wie ein Elefant haben, Junge. Wollen sie mir erzählen, daß sie sich jedes Wort, das sie in den letzten Tagen gehört haben, merken konnten? Bleiben sie nur immer schön bei der Wahrheit, junger Mann."
Parsons blieb ruhig und sah den Commander an. Er sah ihm mitten in beide Augen, so daß diesem irgendwo in seinem unerschütterlichen Innern ein bißchen mulmig wurde, obschon er sich nicht erklären konnte, wieso und warum.
"Ich hatte 20 Jahre Zeit, genau das zu üben, Käpt´n. Jedes Wort, das ich in meinem Bericht zitiere, ist auch exakt so gefallen, seien sie versichert."
Der Commander sah aus, als hätte er eben eine schallende Ohrfeige bekommen. Er setzte sich zurück, verschränkte ein wenig die Arme und gab sich vollkommen passiv. Parsons fuhr fort.
"Nachdem Mousekovitch geendet hatte, trat Swinton, unser Gruppenführer, wieder vor und schrie sofort los.
'Gestern Nacht wurde an der Funkrelaisstation 418BL manipuliert. Es wurde versucht, eine nicht angemeldete Kommunikation durchzuführen. Wir konnten die Nachricht vor der Versendung isolieren und entschlüsseln. Der Täter ist einer von euch! Wer es war, der soll vortreten.'
Nichts rührte sich. Sie hatten es also irgendwie mitbekommen. Die Nachricht war ´rausgegangen, soviel hatten wir feststellen können, aber daß sie den Code Alpha der F.S.I. geknackt hatten, war höchst unwahrscheinlich. Daß sie es doch geschafft hatten, sollte sich erst später herausstellen.
Swinton meldete sich wieder. Diesmal leiser, bedrohlicher. Es war ein drohendes Knurren, das er -wohl in der Annahme, sich zu artikulieren- ausstieß. 'Nun gut, wir werden sehen. Sie alle werden ihre Quartiere bis auf weiteres nicht verlassen. Halten sie sich bitte für eine Befragung bereit. Das war dann alles.'
Wir verließen den Raum, und Kalderon sprach mich leise an. Er fragte, was wir tun sollten. Ich gab zurück, er solle nichts tun und bei der Befragung alles ableugnen.
Am selben Vormittag noch begannen die Befragungen. Wir wurden einzeln aus unseren Kabinen geholt und in einen Raum im vierten Oberdeck gebracht. Dort waren Swinton und zwei Leute, die ich bis dahin nicht an Bord gesehen hatte, mithilfe von einigen unbequemen Fragen und seltsamen Meßgeräten der Wahrheit auf der Spur. Die beiden neuen mußten mit Mousekovitch gekommen sein, wie sich herausstellte, waren sie von der Abteilung Informationsbeschaffung und -verwaltung der Kirche. Übles Gesocks, miese Schnüffler, denen kein Geheimnis zu dreckig ist, um es gegen ihre Feinde einzusetzen. Menschen ohne Gewissen.
Jeder wurde gefragt, was er von der Übertragung wisse, was der Code ´Schnupfen seit 3 Tagen.Kann niesen.´ zu bedeuten habe, wo er gestern Abend zwischen 21 und 24 Uhr gewesen sei, und wer das bezeugen könne.
Ich denke, daß Kalderon dichtgehalten hat, denn nach dem Verhör passierte zunächst gar nichts. Wir wurden abends erneut zum Apell gerufen. Dieselbe Besetzung wie morgens.
Swinton fing ohne Umschweife an zu reden. 'Niemand von ihnen hat den Mut gehabt, für seine Schandtat einzustehen. Dies belastet euch mit dermaßen schlechter Energie, daß dieser Kursus hiermit von der Leitung eingestellt wurde. Wir werden wieder in amerikanische Gewässer einlaufen, damit sie alle gemeinsam in Clearwater einen Wiedergutmachungsrundown von mindestens 12 Monaten absolvieren können. Das haben sie sich selbst zuzuschreiben, meine Damen und Herren. Ihre Reise ist nun zuende, schlafen sie sich aus, morgen wartet ein arbeitsreicher Tag in den Sanitäranlagen von Fort Clearwater auf sie. Wegtreten, Geschmeiß!'
Wir verließen allesamt mucksmäuschenstill den Raum und begaben uns genauso in unsere Quartiere. Eine Stunde später wurde bekanntgegeben, daß wir uns noch einmal versammeln sollten. Als Swinton hinter sich die Türe schloß, stellte ich mit Entsetzen fest, daß Devon fehlte. Er hatte es also doch getan. Swinton hielt erneut eine kurze Ansprache.
'Meine Damen und Herren, der Spion in unserer Mitte konnte durch die überlegene Macht der neuen Technologie entlarvt werden. Unser Freund Mr. Kalderon hatte die Absicht, unsere Kirche auszuspionieren und seine Erkenntnisse einer feindlich gesinnten Gruppe zuzuspielen. Dies ist ihm nicht gelungen. Wir werden morgen, wenn ihre letzte Initiation vollzogen wird, deutlich demonstrieren, wie die New Technology Church mit solchen Verrätern umzugehen pflegt. Das, was sie morgen sehen werden -die starke Hand unserer Vereinigung- wollen sie bitte für den Rest ihres Lebens nicht vergessen. Begeben sie sich nun in ihre Quartiere in Klausur, bis sie zum finalen Ritus aufgerufen werden.' Damit war alles gesagt. Zumindest alles, was uns Aspiranten anging. Devon sah ich erst am nächsten Tag wieder."

Parsons fuhr fort, nachdem er sich frischen Kaffee aus der Blechkanne auf dem Tisch vor sich nachgeschenkt und einen guten Schluck von der schwarzen, heißen Army-Plörre zu sich genommen hatte, "Ich war mir sicher, daß man mich verdächtigte, mit Devon unter einer Decke zu stecken, denn die ganze Zeit über, während Swinton gesprochen hatte, starrte mich Mousekovitch unentwegt an. Er hatte einen dermaßen stechenden Blick, daß es schwer war, die geistige Barriere aufrechtzuerhalten. Aber als wir den Raum verließen, und auch danach trat niemand mit derlei Vermutungen an mich heran.
Wir begaben uns also wieder in unsere Quartiere, um die Anweisungen für das Initiationsritual für den OP XI°=0° noch einmal eingehend zu studieren. Noch immer konnte ich es nicht fassen, daß Devon sich für mich geopfert hatte. Ich war derart tief bewegt über diesen Umstand, daß in dieser Nacht an Schlaf nicht zu denken war. Jedoch die erste Gefahr der Entdeckung unserer wahren Absichten war gebannt, auch wenn es uns einen hohen Preis abverlangt hatte, die Technologen glauben zu machen, sie hätten alles unter Kontrolle. Am nächsten Tag -also heute- um 12 Uhr sollte das Ritual stattfinden, das uns den Weg in die absolute geistige Freiheit ebnen sollte.
Dieser Ritus, so hatte man uns in den Schulungen und Vorbereitungskursen beigebracht, war etwas, das es in der Technology Church an sich nicht geben konnte. In der sonst so selbstbestimmten, auf die eigene geistige Energie fundierten Welt der neuen Technologie gab es eine abschließende Zeremonie, in der ein fremdes Wesen von unheimlicher Kraft und Macht rituell angerufen wurde, um sich mit den OPs geistig zu verschmelzen. Es gab wage Beschreibungen von dieser Zeremonie, die jedoch alle nicht viel hergaben. Da war die Rede von einer Vereinigung, die uns den intellektuellen Reichtum der Wesen von außerhalb übermitteln sollte, welcher es uns ermöglichen sollte, das Wissen der Sterne zu kompensieren. Am Ende sollte die Verwandlung des OP in eine Metaphysis stehen, die Wiedergeburt als freies Sternenwesen."

"Jaja. Das ist bekannt. Kommen sie zum Wesentlichen, Parsons. Es eilt."
Es war wieder der General, der in der gewohnt pietätlosen, zur Hektik neigenden Art eines hochgestellten Militärs auf den Berichterstatter einredete, um zu seinem Ziel zu gelangen. Jack sah ihn an und fragte sich, woher sein Gegenüber wußte, daß es tatsächlich so eilig war. Schließlich gab er dem Drängen des Generals nach und begrenzte seinen Bericht auf die wesentlichen Bestandteile der Handlungen, die das Sinken der MS Freedom herbeigeführt hatten.

"Heute morgen gegen 10 Uhr wurden wir alle über die Kabinenlautsprecher aufgefordert, die Ritualkleidung anzulegen und uns in der Sektion U1 einzufinden. Ich warf ein weißes Gewand über, das auf der Brust das Großkreuz der Kirche in Gold trug, und begab mich nach unten in die Kielregion, in der Sektion U1 lag. Dies war die Zone des Schiffes, die zu Betreten bei höchster Strafe verboten war. Wir passierten einzeln oder in kleineren Gruppen ein schweres, stählernes Schott, das sich hydraulich öffnete, als wir davor standen. Dahinter lag ein Raum, der wohl eine Art Wartezone darstellte. Er bot Platz für etwa 20-30 Personen und war mit ausreichend Sitzgelegenheiten versehen. Der ganze Raum war in Blau- und Schwarztönen gehalten, und vergoldete Statuetten und Accessoirs verschiedener Kulturkreise waren an den Wänden und auf kleinen Regalen angebracht. Einige Gemälde zeigten eindeutig Motive des verruchten Majim-Kultes, wie nicht anders zu erwarten war. Gegenüber des Schotts, durch den man den Raum betrat, lag ein weiteres, zweiflügeliges Tor, daß ebenfalls enorm stabil wirkte. Es war mit merkwürdigen Beschlägen verziert, die in ihrer Ausformung fremden magischen Symbolen oder Schriftzeichen glichen. Einige Symbole in der Sprache der Engel konnte ich identifizieren, jedoch die meisten der Glyphen und Symbole waren mir fremd.
Swinton und Mousekovitch mit seinen zwei Bluthunden waren ebenfalls da, und nachdem alle sich in dem Raum eingefunden hatten, wurde das schwere Schott hinter uns geschlossen. Als das Stahltor sich herabsenkte, war klar, daß ohne Zutun der Kursleitung niemand dieses Areal würde verlassen können. Wir saßen wie Mäuse in der Falle, fand ich. Wie passend dieser Vergleich war, sollte ich auch alsbald erfahren.
Als Swinton zur Seite trat, richtete Mousekovitch das Wort an uns.
'Ihr alle, Brüder und Schwestern der Church of New Technology, seid nun in eurer Entwicklung an einem Punkt angelangt, an dem euch Höheres erwartet, als das einfache beengte Menschsein der Erde. Vor euch liegt nun der ganze Reichtum des Universums, das Wissen der Zeiten der Zeit. Durch eure harte Arbeit an euch selbst und an den anderen, die euch nachfolgen werden, habt ihr ein großes Kontingent an Wissen und Kenntnis der Dinge in euch geschaffen, das nach Erleuchtung strebt. Sicher, der Clean-Kick der ersten Phase und die Grade der OP haben euch tiefe Einblicke in die Struktur menschlichen Daseins gewährt. Doch das, was euch nun erwartet, ist ungleich mehr. Ihr steht nun vor der Schwelle zum absoluten Bewußtsein, das gewillt ist, sich mit euch zu verbinden. Der große Llaird Cuthulhu wird sich euch offenbaren als der Propheth des Nyarlathothep, welcher als der Hüter des geheiligten Wissens der Sterne das All durchzieht. Cuthulhu ist der Mittler zwischen den Welten, der Träger der großen Kraft des Überwesens, dem wir alle dienen.
Unser Gründer und Führer der Bewegung LaVerne Hazard war bisher der Einzige, der den Nyarlathothep selbst sah. Er erhielt vom großen Wesen selbst den Auftrag, unsere Kirche als ein Bollwerk der Vernunft zu errichten, und die Menschen zur völligen geistigen Freiheit zu führen, die Cuthulhu uns bringt. Wir alle werden uns mit dem Statthalter des Nyarlathothep auf Erden verbinden, um die Welt auf seine Ankunft vorzubereiten. Macht euch also bereit, ein Stein in der Brücke zur Freiheit zu werden, meine Brüder und Schwestern.'
Damit war seine Ansprache beendet, und Swinton trat vor. Er war -wie auch Mousekovitch und dessen Begleiter- in eine purpurne Robe gekleidet, die ebenfalls mit den goldenen Großkreuz der Kirche verziert war. Er sah jeden von uns einzeln an und ließ dann seinen Text ab.
'Sie werden gleich das Allerheiligste unserer Kirche betreten. Dort finden sie Plätze, die ihre Namen tragen. Sie setzen sich nieder und warten, bis sie einzeln aufgerufen werden. Bestätigen sie ihre Anwesenheit durch Antwort. Sobald wir vollzählig versammelt sind, beginnt das Ritual. Egal, was sie dann sehen und hören werden, betrachten sie es als den Beginn ihrer Erlösung aus den Fesseln menschlicher Existenz.
Ach, und noch eines. Aus gegebenem Anlaß haben wird die Rangfolge der Initiation geändert. Nicht Mr. Parsons wird wie vorgesehen beginnen, sondern unser neugieriger Freund Mr. Kalderon wird den Anfang machen. Dieser unrühmliche Charakter, dem es mit wer weiß was für Mitteln gelang, uns zu täuschen und vorzugeben, er sei Clean, wird erfahren, was es bedeutet, sich dem Meister des Wissens entgegenzustellen.'
Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, daß mich Mousekovitch wieder mit den starren, bohrenden Blick musterte, den ich schon tags zuvor an ihm bemerkt hatte. Ich hegte den Verdacht, daß er versuchen würde, mich aus der Reserve zu locken, um mich doch noch einer Komplizenschaft mit Kalderon überführen zu können. Da er gesehen hatte, daß es Menschen gab, die fähig waren, unerkannt in die höchsten Grade seiner Orga vorzudringen, mußte ich nun doppelt aufmerksam sein, um nicht noch im letzten Moment alles zu verderben."
Fleet Commander Sedrick sah noch immer schwer irritiert aus. Er saß hier mit einem General und zwei Schiffbrüchigen herum, und hörte sich Gruselgeschichten aus der jüngsten Sektenwelt an. Zugegeben, der Bericht des Jungen ließ noch einiges erwarten, doch der Commander beschloß, daß dies heute nicht sein Tag war. Er gestand sich ein, daß der Krieg gegen die Japse einfacher gewesen war, als der Versuch, dieses Wirrwarr an Grüppchen, Vereinen und sogenannten ´Kirchen´ zu durchblicken. Viele dieser Vereine wie die Technology Church waren in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, und selbst vor Angehörigen des Militärs machten diese obskuren Sekten nicht halt. Vor zwei Jahren hatte der interne Ermittlungsdienst der Navy einen jungen Maat von seinem Schiff geholt, der ebenfalls zu dieser Technology Church gehört hatte. Ihm war damals die Auskunft erteilt worden, daß es sich dabei um eine subversive kriminelle Vereinigung handele, welche sich zum Ziel gesetzt habe, die amerikanische Gesellschaft zu unterminieren und die Verfassung der Vereinigten Staaten außer Kraft zu setzen. Ihm war letztendlich nicht ganz wohl bei dem, was er da hörte.
Und das, was dem bisher Gesagtem folgte, war nicht eben geeignet, seine Meinung zu ändern. Von was für ´großen Wesen´ hatte Parsons gesprochen?

"Swinton stellte sich vor das zweite Tor, das in das Innere der Sektion U1 führte. Als er seinen Platz dort eingenommen hatte, verdunkelte sich das Licht im Raume, so wie das Licht des Tages bei der Eklipse verschwindet. Er hob seine Arme und winkelte sie in der Form der Sigthyr-Rune an. Mit verzerrter, düsterer Stimme rief er:

'Iah! Iah! Cuthulhu Fhtagn! Iah!'

Das Tor begann nun, sich zu beiden Seiten zu öffnen. Die Flügel schwangen in das Innere des dahinterliegenden Raumes und gaben den Eingang frei. Aus dem Zeremonienraum drang rotes, pulsierendes Licht hervor, dessen Widerschein den Wartebereich violett einfärbte.
Als die Tore einrasteten, drehte sich Swinton zu uns herum und sah in die Runde. Dann sah er hinüber zu Mousekovitch, der mit einem kurzen Nicken das Zeichen zum Eintritt gab. Swinton gab Anweisung, den Raum zu betreten, und alle erhoben sich von ihren Plätzen. Wir versammelten uns in der Mitte des Warteraumes zu einer Gruppe und folgten Swinton durch das Tor. Hinter uns schlossen Mousekovitch und seine Begleiter unseren Prozessionszug ab. Ich konnte hinter uns noch das Geräusch der sich schließenden Torflügel vernehmen, dann jedoch fesselte mich die Einrichtung des großen Raumes dermaßen, daß fast ich den Umstand unseres Gefangenseins vergessen hätte. Der Raum, in dem ich mich befand, war von ungeheurer Größe. Ich war sicher, daß dies der mit Abstand größte Hohlraum in diesem Schiffskörper war. Er ging über die gesamte Breite der Freedom und wenigstens über zwei Drittel der Länge. In der Mitte des Raumes war ein Silodeckel von etwa 12 Metern Durchmesser angebracht, der offenbar eine Art Druckschleuse verschloß. Der Deckel war hydraulisch gesichert und von Hand nicht zu bewegen. Erst als die Torflügel hermetisch verschlossen waren und der Druckausgleich hergestellt werden konnte, wurde der Öffnungsmechanismus der Druckschleuse aktiviert. Kleine rote, umlaufende Lichter zeigten an, daß der verborgene Mechanismus arbeitete und die Verriegelung langsam freigab. Zischende Geräusche und metallisches Schaben waren zu vernehmen, doch der Deckel rührte sich nicht. Noch nicht.
Wir alle setzten uns auf unsere Plätze. Noch immer vermißte ich Devon, doch er war auch in diesem Raum nirgends zu sehen. Die Stühle, auf die wir uns setzten, waren in zwei großen Bögen an den Wänden rechts und links vom Eingangstor aufgestellt. Als sich alle gesetzt hatten, traten Swinton und Mousekovitch am anderen Ende des Raumes an einen halbrunden Altar, über dem das Großkreuz der Bewegung prangte. In der Mitte des Kreuzes war jedoch keine Rose angedeutet, sondern ein fünfzackiger Stern zierte das Zentrum des Kreuzes. In der Öffentlichkeit und den ordentlichen OP-Graden der Bewegung waren diese beiden Symbole niemals miteinander in Verbindung gebracht worden, denn das Pentagramm hielt man allgemein für ein heidnisches Symbol.
Der Altar war in ca. 3m Abstand von der Bodenöffnung aufgestellt und umrundete diese zu etwa zwei Drittel. Verschiedene Symbole aus der Sprache der Engel waren an der dahinterliegenden Wand angebracht.
Die Wände des opulent wirkenden Raumes waren mit blutrot und smaragdgrün gefärbten Tüchern verhängt, und auch der übrige Wand- und Raumschmuck erweckte eine luxuriöse, tempelhafte Atmosphäre. Das Licht war gedämpft und floß aus verdeckten Quellen im Deckenbereich in das Innere des Raumes hinab.
Trotz der Stille, in der der Raum lag, konnte ich die Verwirrung der anderen deutlich spüren. Von der ´Technologie´ des großen Gründers der Bewegung -LaVerne Hazard- war in diesem Raum nicht viel zu verspüren. Der okkult-mystische Hauch, unter dem der Raum lag, erdrückte jeden rationellen Gedanken und ließ das Gelernte von Ethik und Technologie angesichts einer jahrtausendealten magischen Symbolik jämmerlich verblassen. Einige der Teilnehmer blickten sich mit fragenden Gesichtern verstohlen um, krampfhaft einen Sinn in dem Wahrgenommenen suchend, doch sie konnten die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen nur schwer verstecken. Wir alle waren gebannt von der fesselnden Atmosphäre, die dieser Kultstätte anhaftete. Wenn die Freunde von der F.S.I. mich nicht gut auf diesen Moment vorbereitet hätten, wer weiß, ob ich dann heute hier sitzen könnte, um davon zu berichten. Die Magie dieser Subjekte ist groß und mächtig, das konnte ich vor wenigen Stunden spüren.
Gerade, als ich mich fragte, was sie mit Devon gemacht hatten, öffnete sich hinter dem Altar zischend eine Stahltür, und die beiden Bluthunde des Direktors führten ihn herein. Er sah übel zugerichtet aus, und es fiel mir nicht leicht, dieses von brutalen Schlägen verformte Gesicht völlig desinteressiert und mäßig erschrocken anzusehen. Sie brachten ihn zum Altar, wo sie sich mit ihm aufbauten. Devon blickte stumm und teilnahmslos in den Raum, sah durch mich hindurch, als hätten wir uns nie gesehen. Es war grausam."
"Und dann, was geschah dann?" Der General begann, Jack zu nerven mit seiner Antreiberei. Doch Jack Parsons beruhigte sich ebenso schnell wieder, wie er sich erregt hatte, und berichtete weiter.
"Nach einigen Minuten begann der Ritus. Mousekovitch trat in die Mitte des Altares und erhob die Arme zum Himmel, der sich einige Decks über uns erstreckte. Er intonierte einen kurzen Singsang, der den Worten bei der Toröffnung ähnelte, und brach diesen nach wenigen Minuten abrupt ab. Er sah in die Runde und sprach zu uns:
'Heute ist für euch der Tag der Wahrheit, Jünger der wahren Kirche des Herren der Welt. Sein Propheth, der große Cuthulhu, ist von den Sternen zu uns herabgestiegen, um sich mit euch zu vereinigen. Schreckt nicht seine Gestalt, Brüder und Schwestern, denn sein Äußeres stellt all eure Unreinheiten und Verfehlungen dar, die ihr in euren Leben auf Erden angesammelt habt. Nur, wenn ihr euch freien Herzens mit ihm verbündet, wird euch das Wissen der alten Wesen zuteil werden und ihr könnt zu autonomen Wesenheiten geboren werden.
Doch zunächst wird uns der Gesandte demonstrieren, wie es ist, wenn man sich mit unreinem Herzen mit ihm verbindet, wie es ist, wenn er sich seinen Feinden zuwendet. Seht hin und merkt euch genau, was ihr gesehen habt. Devon Kalderon, der Verräter, der versucht hat, uns zu unterwandern, wird die Macht des Cuthulhu zu schmecken bekommen in einer Weise, die er nicht überleben wird. Sein schmerzvoller Tod soll Warnung sein für alle, die sich gegen unsere Bewegung stellen. Es beginnt!'
Erneut zeigten klickende und schabende Geräusche an, daß die mechanischen Sicherungen und die Hydraulik des großen Deckels in der Mitte des Raumes betätigt wurden. Zischend hob sich der Deckel der Druckschleuse einige Millimeter und glitt dann auf zwei Schienen nach rechts davon, bis er die darunterliegende Öffnung ganz freigab. Man konnte dunkelgrünes, unbewegliches Wasser in dem freigelegten Ring erkennen. Der Rauminnendruck war dermaßen stabil, daß nicht ein Tropfen Wasser über den Rand lief.
Mousekovitch trat an den Rand des Beckens und sah nun in das Wasser hinab. Er rezitierte einige Formeln und Verse in der Sprache der Engel und auch in einer Geheimsprache, die ich nicht decodieren konnte. Er sprach in akkadischen und sumerischen Wurzeln, aber in Ausfärbungen und Dialekten, die das ganze wieder unverständlich werden ließen. Aber es ging eindeutig um die Erweckung des Cuthulhu aus einem tiefen, traumbewegten Schlaf, um am Ort der Beschwörung zu erscheinen.
Ich hätte es bis zu diesem Zeitpunkt immer noch für abwegig gehalten, doch tatsächlich: Vor mir stand einer der höchsten Funktionäre der Church of New Technology und rief die grausamen Fischgötter ferner Welten mit Flüchen aus längst vergangenen Zeiten an unter Zuhilfenahme gewisser Schriften des verrückten Arabers Abdul AlHazred. Also fundierte selbst die ´neue Technologie´ auf den Quadern der Mystik der Vergangenheit. In diesem Moment hätte ich mir gern die Legionen von Sympathisanten, die die Technologen in aller Welt um sich versammeln, hierher gewünscht.
Hierher, um mitanzusehen, wie einer ihrer großen Führer mit dem Grimoire in der Hand die dämonischen Mächte anrief. Es war dies ein extremes Paradoxon, das nicht einer gewissen -wenn auch abstrusen- Komik entbehrte.
Der designierte Zeremonienmeister zitierte unheilige Verse aus dem Buch der toten Namen und verwandte Formeln in der Ausprägung der Dagon-Vereinigung von Innsmouth, so daß anzunehmen ist, daß die kontinentale Gruppe erheblichen Einfluß auf diesen seltsamen Zweig des Majim hat.
Er rief Cuthulhu aus den Tiefen des Ozeans hervor, und er hatte Erfolg!"
Hier machte Parsons erneut eine kurze Pause. Er war erschöpft von der exakten Wiedergabe der unlängst vergangenen Ereignisse und der erheblichen Konzentrationsanstrengung, die mit dem Rekapitulieren der Vorfälle auf der MS Freedom verbunden war. An der Türe zur Messe klopfte es. "Ja!" Es war Sedrick, der nach einiger Zeit wieder seine sonore Stimme durch den Raum schallen ließ. Er hatte den Bericht mehr oder weniger stumm verfolgt und kam zu der Ansicht, daß da unter den Augen der Öffentlichkeit Dinge abliefen, von denen man als Normalsterblicher besser auch nichts wußte. Aber wenn sich sogar hochrangige Militärs in offizieller Mission mit derartigen Vorgängen befassten, dann mußte an dieser Angelegenheit etwas sein, das von nationalem Interesse war. Doch was konnte das sein, das diese geheime Mission, von der Parsons offensichtlich berichtete, so dringlich machte, daß der General vor Neugier fast platze?
Ein junger Matrose betrat den Raum mit einer Kanne frischem Kaffe in der Hand. Auf ein Nicken des Commanders hin stellte er die Kanne auf dem Tisch ab und verschwand mit der leeren so schnell, wie er gekommen war.
Sedrick goß allen Kaffee nach, den jeder sofort zu trinken begann. Diesmal war der Kaffe besser als vorhin. Den Männern sah man diese Tatsache an den entspannten Gesichtszügen an, während sie tranken.
Es entstand eine kurze Stille, die der Commander nutzte, um seine Gedankengänge weiterzuführen. Da schifften also ein paar unheimlich reiche, verrückte Typen von irgendsoeiner pseudoreligiösen ´Kirche´ in der Weltgeschichte umher, und veranstalteten einen Budenzauber erster Klasse mit Dämonen, ´toten Namen´ und all so´nem Zeug. Und die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika hatte nichts geringeres zu tun, als militärische Operationsstäbe in Kooperation mit obskuren weltanschaulichen Aktionsgruppen hinter diesen Typen herzuschicken. Oder gab es in dieser ´Kirche´ etwa mehr, als nur Budenzauber? Sedrick hatte in seinem Seefahrerleben, in dem er weit in der Welt herumgekommen war, viele seltsame, unerklärliche Dinge gesehen; gerade in der Südsee hatte er Vorgänge miterlebt, die sich der rationellen Verstandeskraft niemals in ihrer Funktion offenbaren würden. Er hatte Zauberei und düstere magische Riten gesehen, und er wußte, daß solche Rituale nicht immer wirkungslos blieben. Und wenn eine Organisation wie die Technology Church mit so immensem finanziellen Aufwand Rituale, die sie nach Außen hin verleugnete, betrieb, dann mußte das seinen guten Grund haben. Und schließlich hatte Parsons ja gesagt, daß der Oberzauberer Erfolg gehabt hatte.
Der Commander verließ seine Gedankengänge wieder und wandte sich dem Erzähler zu, der anstalten machte, in seinem Bericht fortzufahren.
"Dann," unterbrach Parsons die Stille, "geschah etwas, mit dem wohl kaum einer der Anwesenden gerechnet hatte. Das Wasser in der Öffnung der Druckschleuse blubberte und gurgelte, und ein Wesen aus der Tiefe begann, sich in dem großen Ring der Öffnung zu erheben. Zuerst waren die Enden einiger dunkelgrüner, glitschiger Tentakeln zu erkennen, die sich aus dem brodelnden Wasser in der Öfnnung schälten und tastend den Rand der Schleuse nach Halt absuchten. Fangarme, dick wie der Oberschenkel eines trainierten Radlers, tauchten auf und sogen sich am Metall der Ringkonstruktion fest. Ich erinnere ein eklig schmatzendes Geräusch, ähnlich dem Abflußreiniger, mit dem meine Mutter damals immer in der Waschküche hantiert hatte. Widerlich. Gurgelnde, kollernde Laute waren zu vernehmen, die aus der Tiefe durch den Rumpf des Schiffes in den Raum zu dringen schienen. Nicht wenige der einst so stolzen, hochnäsigen OPs, die mit mir dorthin gekommen waren, hatten nackte Panik in ihren Augen stehen, als ich sie in diesem Moment ansah. Eine ungute, zutiefst okkulte Szenerie wurde durch das Gekoller, vermengt mit den hähmischen Lobpreisungen des Dämonenpriesters, in dem Zeremonienraum unterhalb der Wasseroberfläche erzeugt, deren Wirkung sich niemand an Bord entziehen konnte. Alle starrten wie gebannt auf das, was sich da aus der Tiefe erhob.
Nach und nach kam ein Wesen zum Vorschein, das den grausamsten Alpträumen geistig Verwirrter entsprungen schien. Eine große, unförmige Erhebung, die wahrscheinlich der Kopf des abstrusen Wesens war, kam in dem schäumenden Wasser zum Vorschein. Ein einziges, großes Auge und ein gräßliches, zahnbewehrtes Maul waren die einzig erkennbaren Konturen an diesem Kopf, den das Wesen durch die Öffnung in das Innere des Schiffes schob.
Fünf dicke, glitschige Arme, an denen verschieden große, schmatzende Saugnäpfe prangten, sowie einige kleinere Tentakeln ragten ebenfalls in den Raum hinein, wo sie wild fuchtelnd umhertasteten.
Der Geruch, der von diesem Wesen ausging, kam einer Mischung aus Verwesung, Fäulnis und Abwassern gleich und drohte alle Anwesenden zu ersticken. Dazu kamen die irren Geräusche, die von der höllischen Kreatur vor uns ausgingen und diesem Auswurf der Hölle eine Aura des Schreckens verliehen. Keiner von uns rührte sich. Nur Mousekovitch, der den Erfolg seines Unterfangens zu genießen schien, krächzte weiter, wild gestikulierend, die blasphemischen Flüche aus den Schriften des Majim. Er grüßte das furchtbare Wesen unterwürfig als Cuthulhu, den Meister aus der Tiefe des Wassers. Dem emanierten Dämonen schien diese Huldigung zu gefallen, denn er wandte sich dem Direktor zu und schien ihn durch sein eines Auge zu mustern. Dieser setzte ehrfürchtig zu sprechen an:
'Llaird Cuthulhu! Vor dir steht dein Diener Thau Baphometh! Ich bringe dir hier einen Verräter aus unserer Mitte, der es gewagt hat, deine Herrschaft über uns in Zweifel zu ziehen! Strafe ihn nach deinem Gesetz!' Dabei warf er die Arme hoch, kniete nieder und verbeugte sich vor diesem personifizierten Zerrbild der Hölle untertänigst. Auf dieses Zeichen hin brachten die zwei Bluthunde den armen Devon in die Reichweite der Arme dieses Wesens.
Zwei der fünf größeren Fangarme näherten sich Devon, und der matschige Kopf des Cuthulhu wandte sich in seine Richtung. Während einer der beiden Arme sich um Devon schlang und ihn so zur Bewegungslosigkeit verdammte, glitt der andere zielstrebig auf seine Stirn zu, wobei einer der Saugnäpfe schmatzend anfing zu nässen. Von ihm tropfte eine weiße, schleimige Flüssigkeit herab, die einen furchtbar übelriechenden Gestank verbreitete. Scheiße, dachte ich. Das gefährdete unsere gesamte Mission.
Die F.S.I. hatte in schwerster Kleinarbeit und unter Ausnutzung sämtlicher Maulwürfe, die sie in der Technology Church besaß, gemanaged, daß mein Name ganz oben auf der Liste der zu Erleuchtenden dieses Kurses stand, um den Viruscode bei der geistigen Verschmelzung mit Cuthulhu zu übertragen. Doch nun war Devon Kalderon durch den Ablauf der Ereignisse überraschend auf Platz Eins gerutscht. Das Problem war für mich nicht nur, daß ich in dem Moment, in dem die Verschmelzung von Devon und dieser Kreatur stattfinden würde, einen guten Freund verlor. Denn Devon würde dabei von Cuthulhu förmlich leergesogen werden, und seine geistigen Barrieren könnten ihm nicht standhalten. Cuthulhu wüßte sofort, was läuft, und ich hätte keine Chance mehr, mein Vorhaben auszuführen. Ich stand also unter erheblichem Zugzwang. Ich mußte entscheiden und handeln. Und das innerhalb kürzester Zeit, denn der widerwärtige Saugnapf dieses Viehs hatte sich bereits seinen Platz an der Stirn von Devon gesucht und begann, sich festzusaugen. Das Wesen, das diesen Arm mit seinen sabbernden Saugnäpfen kontrollierte, schien eine gewisse Lust bei seinem Tun zu empfinden, denn es kommentierte dasselbe mit einer Tirade gurgelnder und glucksender Laute, die der Perversion eines Gelächters nahekam. Dieser Moment war der grausamste meines Lebens, meine Herren, das können sie mir glauben!"
Parsons sah die anderen tief bewegt an. Sedrick starrte ungläubig zurück, während der General mit forderndem Blick an Jacks Lippen klebte.
Der Stenotypist sah nur noch verwirrt aus, aber er schien kein Wort von dem zu glauben, was er hier hörte. Vielleicht war es auch besser so. Seltsamerweise war es Sedrick, der Parsons wieder zum Reden animierte. "Was taten sie, Mann?" Jack sah ihn kurz an, dann sah er einen Moment auf den Boden, so, als suche er nach den richtigen Worten. Dann sprach er wieder.
"Ich mußte abwägen, ob das Opfer von Devon ausreichen würde, um mir genügend Zeit zu verschaffen mich mit dem Wesen zu vereinigen, oder ob ich den Ablauf ändern und improvisieren sollte. Als ich Devons markerschütternde Schreie vernahm, die er -von übermenschlichem Schmerz gepeinigt- ausstieß, entschloß ich mich für Letzteres. Ich handelte.
Ich erhob mich ruckartig und schrie das furchterregende Wesen an. Ich rief seinen verfluchten Namen und schrie aus vollem Halse den dritten solaren Bannspruch der F.S.I. in sein wabberndes Gesicht, als er sich zu mir herumdrehte. Einen Moment lang herrschte Ruhe in dem Zeremonienraum, und allein das Glucksen des Wassers in der Bodenöffnung war zu vernehmen. Alle starrten mich an, einschließlich des dämonischen Propheten und seiner getreuen Diener.
Ich setzte sofort nach und intonierte die Formel zur Erweckung der ACAM-Kraft im Geiste. Ich rief die Worte in einer Lautstärke und mit einer Kraft, wie ich es bisher nie im Leben getan hatte. Die Worte hallten kristallhart und unwiderruflich durch den Altarraum und wurden von den stählernen Wänden mehrfach zurückgeworfen. Ich visualisierte in mir das Symbol des Sieges und warf es dem Feind entgegen. Ein mächtiges rotierendes Vierklingenschwert traf den Feind und verwundete ihn tief im Geiste.
Die Antwort kam prompt: Ein infernalisches Geheul, wie ich es mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen können, erfüllte mit einem Mal den Raum. Es war Cuthulhu, der diese Kakophonie intonierte, denn mein völlig überraschender Angriff auf eine Flanke, an der er es hier niemals vermutet hätte, war zumindest zum Teil von Erfolg gekrönt. Er wand sich geistig vor Schmerzen, denn ich hatte ihn mit dem mächtigsten Symbol, das die Magie kennt, schwer verletzt. Die anderen Personen, die im Raume anwesend waren, existierten in diesem Moment nicht mehr, sie waren auch allesamt zu keiner Regung mehr fähig. Die OPs waren total schockiert in einen Zustand der geistigen Katalepsie übergegangen, und Mousekovitch, Swinton und die Bluthunde hatten es sichtlich immer noch nicht verwunden, daß ihr Herr und Meister hier in ihrem Heiligtum aufgrund ihrer eigenen Fehler angegriffen und verwundet worden war. Daß er unter diesem offensichtlichen Kampf litt, konnten sie erkennen, denn Töne wie die, die jetzt unsere Trommelfelle strapazierten, hatten sie von Cuthulhu bis dahin noch nicht vernommen.
Nun kam Bewegung in die glibbrige Körpermasse der hier verehrten Kreatur. Die starken Arme ließen von Devon ab und er glitt bewußtlos zu Boden. Das Fuchteln und Schlingern der aus der Öffnung ragenden Arme dieses Ungeheuers wurde immer stärker und unkontrollierter. Es geriet förmlich in Raserei, in der es ziellos mit den Armen um sich schlug und zu versuchen schien, das Schiff durch die Lautstärke seiner Schreie zum Bersten zu bringen. Die Deckspfeiler knickten wie Zündhölzer weg unter den wuchtigen Schlägen, die das Monster pfeifend austeilte. Das Kreischen von Metall mischte sich unter das Schreien, Glucksen und Pfeifen, die das Ungeheuer ausstieß.
Dabei schob sich der unförmige Körper immer weiter aus der Öffnung in den Raum und bewegte sich in meine Richtung. Immer mehr der glibbrigen Masse stieg aus der Tiefe des Meeres auf, und drängte durch die relativ schmale Öffnung in das Schiffsinnere. Das Wesen versuchte eindeutig, meiner habhaft zu werden, um sich für den Streich, den es einstecken mußte, zu rächen. Gierig fuchtelten die Tentakeln durch den Raum, und ihre Enden flogen förmlich auf mich zu. Wenn mich einer dieser Arme erwischt hätte, bei Gott, ich säße nicht hier, um ihnen davon zu berichten. Diesen Anblick des geifernden, irrsinnig kreischenden Cuthulhu werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In meinen Träumen wird es bis an das Ende meiner Tage wiederkehren und mich verfolgen. Es ist so grausam!"
Parsons schien die Fassung zu verlieren. Er war kreidebleich und zitterte am ganzen Körper, obwohl die Kälte des Wassers längst von ihm gewichen war. Man sah diesem armen Teufel deutlich an, daß er das, was er da berichtete, auch in diesem Moment wieder vor Augen hatte.

Er starrte seine Zuhörer an, schien jedoch durch diese hindurch auf eine imaginäre Szenerie hinter diesen zu blicken. Sein Blick war etwas getrübt und seine Augen waren schreckgeweitet. Sedrick war zutiefst beeindruckt von der Betroffenheit des jungen Mannes, der da von Dingen berichtete, die er selbst sich noch nicht einmal vorstellen konnte. Der General sah etwas ruhiger drein. Er war diesem abstrusen Cuthulhu zwar -gottlob- noch nie im Leben begegnet, konnte sich aber anhand der Informationen, die die F.S.I. über dieses Wesen besaß, ein ungefähres Bild von den Abläufen, die Parsons schilderte, machen. Der Junge mußte die Hölle erlebt haben, und es kam einem Wunder gleich, daß die beiden diesen Kampf gegen den übermächtigen Gegner überlebt hatten. Er fühlte sich genötigt, Parsons etwas aufmunterndes zu sagen.
"Ist schon gut, Junge. Ich weiß, was sie durchgemacht haben. Er hat sie nicht gekriegt, das ist es, was zählt."
"Ach ja?" gab Jack zurück und blickte dabei auf Kalderon, der immer noch regungs- und bewußtlos auf der Pritsche lag. Die Haare über seiner Stirn waren etwas verrutscht, so daß man die gerötete, kreisörmige Narbe am Haaransatz erkennen konnte. An dieser Stelle hatte der Saugnapf des Monsters geklebt und Devon seiner Seele beraubt.
"Wie dem auch sei. Ich wich den Attacken der Kreatur aus und bewegte mich kreisförmig durch den Raum, so daß ich in Devons Nähe kam. Die Arme des Monsters, die mir hinterherwischten, erschlugen in diesem Augenblick Mousekovitch und Swinton, was ich an dem jämmerlichen Gequieke, das sie im Moment des Todes von sich gaben, erkannte. Immer mehr Teile der Einrichtung gingen mittlerweile zu Bruch, und auch oben auf der Brücke hatte man wohl inzwischen mitbekommen, daß unten etwas nicht stimmen konnte. Von der Wucht der heftigen Bewegungen, die Cuthulhu vollzog, schwankte das Schiff wie unter Seegang. Die Maschinen wurden wohl angelassen und ich vermute, der Käpt´n hat versucht, das Schiff wegzumanövrieren. Als das Monster das bemerkte, unterbrach es für einen Moment seine Verfolgung und ich konnte spüren, wie die Antriebswelle und der Propeller unter dem Schiff mit Brachialgewalt zerstört wurden. Ein gewaltiges Kreischen lief daraufhin durch den gesamten Rumpf, ich denke, daß er barst. Ich nutzte die Chance, die sich mir bot, und griff mir Devon.
Ich schulterte ihn und suchte nach der Türe, durch die er mit den Bluthunden hereingekommen war. Nach kurzer Orientierung fand ich sie und erreichte sie kurz darauf, Devon auf der Schulter, unbeschadet. Sie war nicht verschlossen, und ich verließ den Raum, in dem das Monster noch immer tobte, durch die hintere Schleuse. Es schien meine Abwesenheit schnell bemerkt zu haben, denn seine gellenden Schreie wurden noch eine Nuance schriller und aggressiver. Ich hastete eine stählerne Treppe hinauf, so gut es eben ging, und unter mir füllte sich der Korridor mit den anschwellenden Geräuschen berstenden Metalls. Die verwundete Kreatur war nun dabei, das gesamte Unterschiff, in das bereits gehörige Wassermengen drangen, zu zerlegen. Ich weiß nicht, ob zu diesem Zeitpunkt in dem Altarraum noch jemand am Leben war, ich glaube aber nicht. Als ich die höhergelegenen Decks erreichte, war dort bereits eine Panik ausgebrochen. Alle rannten durcheinander und versuchten, die Rettungsboote zu erreichen.

Niemand interessierte sich für Devon und für mich, als wir das Oberdeck erreichten. Das Schiff hatte bereits einige Schlagseite und war völlig manövrierunfähig. Ich konnte erkennen, daß sich mehrere Tentakeln an der Backbordseite bereits über die Reling schwangen und diese abrissen, als handele es sich um dürre Zweige. Es schien mir, als hätte Cuthulhu die Druckschleuse verlassen und versuchte nun, das Schiff zu entern. Überall um uns herum war die Luft erfüllt von den Geräuschen berstenden Metalls, den Schreien der Besatzungsmitglieder, und vom immer lauter werdenden Gekreische des dämonischen Wesens, das versuchte, unserer habhaft zu werden. Die Rettungsboote, die das Wasser erreichten, wurden sofort von den heftigen Schlägen des Ungeheuers vernichtet. Alle, die dort unten im Wasser schwammen, wurden von kleineren und größeren Fangarmen ergriffen und verschwanden, grausame Schreie ausstoßen, im gräßlichen Maul des Ungeheuers, welches im Blutrausch völlig wahl- und ziellos tötete. Jedes Lebewesen, das in die Reichweite der Tentakeln kam, wurde sofort zerquetscht oder von den gewaltigen Zähnen zermalmt. Das einst so stolze Flaggschiff der Technology Church war mittlerweile nicht mehr, als ein Haufen treibender Schrott, der von dieser Ausgeburt der Hölle nach und nach zertrümmert wurde.
Auf unserer Flucht über das B-Deck konnte ich erkennen, daß selbst die soliden Aufbauten stark beschädigt waren. Das Monster mußte enorme Kräfte besitzen, dachte ich noch bei mir, als einer der großen Arme wenige Handbreit neben uns auf das Oberdeck klatschte und dieses verformte, als sei es ein Kuchenblech. Als der Arm wieder zum Wasser hin zurückglitt, hinterließ er eine tiefe, unregelmäßige Delle im Stahl, die von einem Geschoßeinschlag hätte stammen können. Ich überlegte mir, daß es am sichersten wäre, ein einigermaßen wasserdichtes Versteck zu suchen, denn der Bestand des Schiffes war in höchstem Maße gefährdet, und es war nicht abzusehen, wann unser aggressiver Freund mit der Bearbeitung des Schiffes fertig sein würde. Doch, wo sollten wir uns vor dieser amoklaufenden Bestie verbergen? Das Schiff, das nun immer heftiger rollte und schlingerte, drohte in allernächster Zeit zu versinken. Ich kämpfte mich bis zum 3. Magazin durch, dessen Schott offenstand. Ich legte Devon vor dem Schott ab, und betrat den Raum, in dem verschiedenes Material gelagert wurde.
Nach kurzer Suche fand ich eine große, schwere Seekiste, die mit einem Volumen von ca. 700-800 Gallons geräumig genug war, Devon und mich aufzunehmen. Sie war wasserdicht, und mit etwas Geschick konnte man den Verriegelungsmechanismus auch von Innen bedienen. Zumindest insoweit, daß sie nicht sofort vollaufen konnte. Ich leerte den Inhalt der Kiste -verschiedene nautische Geräte- aus, und mit fast übermenschlicher Anstrengung schaffte ich unser gediegenes Rettungsboot an Deck. Ich legte Devon in die Kiste und mich dazu. Nun schloß ich den Deckel des Kastens fast ganz, nur ließ ich einen kleinen Sehschlitz frei, um mich orientieren zu können. Ich konnte durch den Schlitz sehen, wie hastige Beinpaare an uns vorüberhuschten. Einige der Beine verschwanden abrupt nach oben, wenn einer der vielen Fangarme den in Todesangst schreienden Matrosen, dem die Beine gehörten, ergriff.

Wenn einer der Arme die Kiste zu fassen bekommen würde, rechnete ich mir aus, hätten Devon und ich nicht die geringsten Überlebenschancen. Wir würden zerquetscht, wie Fliegen in einer Streichholzschachtel, die zertreten wird. Ich hatte große Angst, doch was blieb mir anderes übrig, als auszuharren. Devon war immer noch bewußtlos, und bekam von alldem nichts mit.
Immer heftiger wurden die schwankenden Bewegungen des Schiffes, und unsere Kiste begann bereits, auf dem Deck hin und her zu rutschen. Auf einmal neigte sich der Bug der MS Freedom tief nach unten, und das Schiff begann zu sinken. Die Kiste, in der wir steckten, wurde über Bord geschleudert und landete im Wasser. Ich zog den Deckel mit aller Kraft herunter, so daß beim Eintauchen und Aufschwimmen nur wenig Wasser in den Innenraum gelangte. Durch die Wände der Kiste konnte ich die schrecklichen Geräusche, die das Sinken der Ms Freedom verursachte, viel lauter hören, als sie in Wirklichkeit waren.
Ich hätte angesichts dieses höllischen Spektakels beinahe den Verstand verloren, als plötzlich eine tiefe Stille eintrat. Ich vermutete, Cuthulhu hätte seine Beute mit unter das Meer genommen, was auch den Tatsachen entsprach. Als ich den Deckel der Kiste einen Spalt öffnete, war weder das Schiff, noch der Angreifer zu sehen. Cuthulhu hatte die Freewinds mit allen Besatzungs- und Kursmitgliedern mit sich in die Tiefe gerissen.
Allein das Aufschäumen und Brodeln des Wassers an der Unglücksstelle, über der wir trieben, erinnerte noch an die Katastrophe, die sich hier kurz zuvor abgespielt hatte. Ich wagte nicht, mich in der Kiste zu bewegen, um nicht doch noch den Angreifer auf uns aufmerksam zu machen. So vergingen schätzungsweise drei -vielleicht vier- Stunden, bis ich bemerkte, daß sich unsere Kiste durch das einschwappende Wasser langsam zu füllen begann. Ich konnte die Kiste nicht vollständig verriegeln, denn wenn der Außenriegel eingeschnappt hätte, wären Devon und ich binnen kürzester Zeit erstickt. So entschloß ich mich, als die Kiste zu sinken drohte, diese mit Devon zu verlassen und mich an einige Wrackteile zu klammern.
Ich zerrte Devon aus der Kiste und fertigte -so gut es unter diesen Umständen eben ging- aus verschiedenen Wrackteilen den Schwimmkörper, der uns bis zum Eintreffen der Omaha über Wasser hielt.

General!" Parsons wandte sich ihm zu und sah ihm fest in die Augen, "Die Mission ist gescheitert! Ich beschwöre sie: Unternehmen sie etwas. Der Feind hat genau unter der Mayday-Position der Freedom ein Tor geschaffen, und wer weiß, wie alt es schon ist. Unser Gegner hat große Wut, und er weiß, daß er wenig Zeit hat. Wir müssen das Dimensionstor schließen, bevor es zu spät ist, sonst war Devons Opfer umsonst. Handeln sie. Schnell."
Als er die letzten Worte aussprach, wurde der Klang seiner Stimme fast flehend. Sedrick bemerkte, daß er sehr nervös schien und am ganzen Leib zitterte. Er musterte Parsons eindringlich und kam zu dem Schluß, daß der junge Mann vor ihm es mit seinem Bericht und der seltsamen Aufforderung zu Handeln bitterernst meinen mußte.
Er fragte sich, ob er das, was Parsons da über die vermeindlichen Ereignisse an Bord der gesunkenen Freedom berichtet hatte, wirklich glauben sollte. Der Stenotypist tat das nicht, das sah man ihm deutlich an. Sedrick war -gelinde gesagt- schockiert. Er hatte ja manches erlebt und gesehen, aber das hier schlug dem Faß den Boden aus. Äußerst irritiert war der Commander auch über den Umstand, daß General Norton, der mit höchsten Regierungsvollmachten ausgestattet war, in keinster Weise verwundert schien über den abstrusen Bericht, den der Junge da abgeliefert hatte. Sein Gesichtsausdruck war gespannt, und er machte einen leicht gestreßten Eindruck auf Sedrick, so als ob er unter enormem Entscheidungsdruck stünde.
Gerade, als Sedrick sich fragte, was in einer solch skurrilen Situation zu entscheiden sei, sprach der General. Seine Stimme klang militärisch gefaßt, er hatte also eine Entscheidung getroffen.

"Wir konnten Cuthulhu nicht vernichtend schlagen, aber ich denke, wir können ihn eine Weile aufhalten. Sobald wir an Land sind, werde ich den Präsidenten bitten, geeigneten Gegenmaßnahmen zuzustimmen. Für Mr. Kalderon werden wir die beste Pflege besorgen, die möglich ist. Die F.S.I. läßt ihre besten Leute nicht im Stich. Sie beide haben hervorragende Arbeit verrichtet. Und auch, wenn niemand da draußen (hierbei machte er eine ausladende Handbewegung) es vertehen würde, sie beide sind Helden. Legen sie sich schlafen, Jack. sie haben es sich redlich verdient."
Mit diesen Worten erhob er sich, grüßte militärisch und wandte sich zum Gehen. Der Commander tat es ihm nach, und auch der Stenotypist packte sein Zeug zusammen. General Norton wandte sich ihm zu.
"Übergeben sie mir das Protokoll. Es handelt sich hierbei um eine Verschlußsache der höchsten Geheimhaltungsstufe. Ich erinnere sie noch einmal ausdrücklich an ihre Verschwiegenheitspflicht, zumal es sich hier um Regierungsangelegenheiten dreht. Haben sie mich verstanden?"
Der Stenotypist blickte fragend auf den Commander. Der sah ihn an und reagierte forsch: "Sie haben den General gehört, Ferguson. Übergeben sie das Protokoll und kehren sie zurück auf ihren Posten. Ach ja, und lassen sie noch eine Pritsche bringen."
Der Sergeant reichte dem General den aufgerollten Papierstreifen aus dem Stenographen, salutierte und verließ -sichtlich erleichtert- den Raum. Auch der General und Sedrick verließen die Messe, und begaben sich auf die Brücke.

Als die Pritsche aufgestellt war, legte Parsons sich neben dem wie tot schlafenden Kalderon nieder und war innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen.

Nach wenigen Stunden AK-Fahrt lief die Omaha in den Hafen von New Orleans ein, und der General verließ fluchtartig das Schiff. Er wetzte zu einem bereitstehenden Wagen, der mit großer Geschwindigkeit das Hafenareal in Richtung Air Base verließ. Parsons und Kalderon wurden zu einem zweiten Wagen gebracht, dessen Stoßstangen mit seltsamen Standarten bestückt waren. Die Symbole der F.S.I. waren darauf zu erkennen, die in einem Regierungswappen angeordnet waren. Sedrick staunte nicht schlecht. Wußte doch der Teufel, was da wirklich lief.

Als General Norton in Washington eintraf und dem Präsidenten, sowie einem speziellen, geheimen Gremium der CIA Bericht erstattete, wurden umgehend die "geeigneten Gegenmaßnahmen", von denen der General an Bord der Omaha gesprochen hatte, beschlossen und eingeleitet.

So kam es, daß dem Präsidenten der Vereinigten Staaten in der darauffolgenden Nacht die undankbare Aufgabe zufiel, seinem Amtskollegen im Moskauer Kreml über das rote Telefon zu erklären, warum soeben im Mexiko-Becken in 4000m Tiefe eine Nuklearexplosion stattgefunden hatte. Später hieß es, ein fehlgeleiteter Raketenflugkörper, der sich selbst aktiviert hatte, konnte im letzten Moment in den tiefen Graben gelenkt werden, wo er wirkungslos detonierte.

Trotz aller eifriger und vollmundiger Beteuerungen der Militärs; so ganz ohne Wirkung war die gezielt berechnete Atombombenzündung nicht, denn eines der elf Dimensionstore, durch die der Statthalter des Nyarlatotheph auf die Erde kommen konnte, war zerstört worden, was den Machtbereich des Cuthulhu einmal mehr einschränkte.

Doch dieser kleine Sieg sollte nicht den gewaltigen Krieg entscheiden, der da hinter den Kulissen der menschlichen Zivilisation tobte ..

.zur Bestellseite # Autorenkontakt

Hilfe für Autoren - arcanamundi.deMein Service: Autorenhilfe!

Sie sind selbst Autor und möchten Ihre Bücher gern ohne allzu großen Kostenaufwand online vertreiben? Alles, was Sie brauchen, ist ein Manuskript im *.doc/*.odt Format für Works/Open Office. Ich begleite Sie gern bei der Publikation. Mit Kreativität und Ideen bringen wir Ihr Werk gemeinsam an den Start. Auf Wunsch erstelle ich Ihr Cover, lektoriere das Werk, mache Ihr Manuskript druckreif und gebe es im print-on-demand Verfahren in Produktion. Print on demand bedeutet, es werden nur soviel Bücher gedruckt, wie auch verkauft werden. Sie tragen keine Druckkosten(*). Ihr Buch wird dann hier auf dieser website angeboten, außerdem in einem weltweit verfügbaren Literaturkatalog des Produzenten. Durch Produktion und Vertrieb haben Sie keinerlei Kostenaufwand, und Sie bestimmen selbst, wieviel Sie pro verkauftem Exemplar verdienen möchten. Sprechen Sie mich einfach per E-Mail an!

(*)Einmalige Kosten entstehen bei Bedarf durch individuelle Covererstellung (ab € 99,-), Lektorat ( ab € 49,-) und Druckformatierung (ab € 49,-)

www.arcanamundi.de - EVENT HORIZON;
Verantwortlicher gemäß § 10 Absatz 3 MDStV: Olaf Francke
USt-ID gemäß § 27 a UStG: 28024WV - Finanzamt Rendsburg;
Dorfstr.30; D-25557 Beldorf; E-Mail: post@arcanamundi.de; Tel.: +49 (178) 8750981;
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links.
Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

Websites, die ich entworfen habe: www.kanalkiosk.de www.kiel-canal-blog.de www.kiel-canal-observer.de www.magickal-observer.de www.tsv-nordhastedt.de www.tenoso.com www.piercing-at-home.com www.night-land-hademarschen.de www.my-event-horizon.de www.my-holstein.de www.my-flirt-point.de www.my-lands.de www.aquarell-bild.de ...